Leben nach dem Genug und wie das Aspie-Thema seinen Weg in mein Leben fand

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Ich habe heute das Bedürfnis einen Teil meiner Geschichte niederzuschreiben. Nach wie vor habe ich Zweifel ob ich gewisse Dinge in meinem öffentlichen Blog thematisieren sollte, aber wenn auch nur die Möglichkeit besteht dass es von jemandem gelesen wird der sich dadurch verstanden und weniger allein fühlt möchte ich mir diese Offenheit erlauben. Außerdem glaube ich dass eine der sinnvollsten Sachen die ich momentan geben kann das Teilen von Erfahrungen ist.

Genug – das ist ein Wort das mein Leben und meine Gedanken einst über Monate hinweg bestimmte.

Manchmal denke ich an die Zeit davor als alle meine Pläne noch aufzugehen schienen. Mein Studium lief, ich probierte Nebenjobs, arbeitete ehrenamtlich, bestand meine PKW-Fahrprüfung im ersten Anlauf und mein Diplom in der Regelstudienzeit.

Alles nach Plan. Damals wusste ich noch nicht was noch auf mich wartete.

Um nicht zu weit auszuschweifen: innerhalb der ersten zwei bis drei Jahre nach Studienabschluss wurde ich öfter gekündigt als manch anderer in 20 Jahren… oder so.

Das lag nicht daran dass ich zu doof zum Arbeiten gewesen wäre oder undiszipliniert wäre, aber irgendetwas stimmte nicht. Und ich wusste nicht wo der Grund liegen sollte. Alles was ich wusste war das immer irgendetwas unbewusst passiert sein musste was meinen jeweiligen Chef enttäuscht hatte. Wonach entweder direkt die Kündigung kam, das Mobbing begann oder/und ich krank wurde.

Der Knall

Im Sommer 2013, das weiß ich noch wie heute, saß ich in der Straßenbahn auf dem Heimweg von meinem Job. Zu dieser Zeit hatte das Mobbing seit einiger Zeit massiv eingesetzt. Gerade eben hatte mein Chef mir per Telefon mitgeteilt, dass ich das eine Wochenende (in der folgenden Woche) dass ich in diesem Monat frei haben sollte nun doch durcharbeiten soll und das irgendwo auf Montage. Ich hatte dieses Wochenende bereits für eine Familienfeier fest verplant und mein Chef wusste das. Ich saß also in der Bahn und starrte aus dem Fenster – Haltestelle Liststraße, Häuserfassaden, Dächer, ich sehe alles noch genau vor mir. Von einer Sekunde auf die nächste war es da, das Genug. Im Zeitfenster eines einzigen Lidschlags wusste ich was Sache war. Ich war gerade Mitte 20, ich konnte etwa abschätzen wie lange mein Körper theoretisch noch leben würde, ich konnte auch abschätzen wie viele Jahre der Kämpfe mit Chefs und Kollegen und Ämtern das noch sein würden. Doch etwas stimmte nicht: Meine Seele, oder wie auch immer man es nennen sollte, hatte schon jetzt keine Kraft mehr für diese Kämpfe. Ich fühlte mich als wäre die Batterie meines Inneren, die bis ins hohe Alter durchhalten müsste, genau jetzt in diesem Moment an der kritischen 3% Schwelle angekommen. Ich fühlte mich so eingesperrt in diesem Körper der funktionieren sollte wo doch meine Seele genug von allem hatte und selbst wenn ich noch so sehr gewollt hätte einfach nicht mehr konnte. Eine Verzweiflung die ich trotz verschiedener unschöner Dinge die ich schon erlebt hatte so nie kannte ergriff mich.

Es folgten Wochen und Monate in denen ich entweder gar nicht oder zu viel schlief und kaum etwas fühlen konnte außer einer endlosen Leere und der Wut auf das Leben und auf Gott, der mich nicht einfach so gehen ließ obwohl er doch sehen musste dass ich nicht mehr weiter kann. In kurzer Zeit entwickelte ich auch körperliche Beschwerden, fehlendes Gleichgewicht, Schwächegefühl, Herzschmerzen, zitternde Hände begleiteten mich durch die Tage. Und die Nächte. Zeitweise fiel mir das Atmen schwer. Selbst meine Wahrnehmung veränderte sich, ich konnte nach und nach viele Farben nur noch als schwarz erkennen und wenn ich das Haus verließ schien sich ständig das Licht zu verändern, so dass ich selbst Straßen die ich schon so oft entlang gelaufen war nicht wieder erkannte.

Genug

In meinem Kopf herrschte nur noch der eine Gedanke: Genug! Ich hatte einfach genug vom Leben, so wie ein alter Mensch am Ende seines Lebens vielleicht genug vom Leben hat – aber ich war jetzt schon an diesem Punkt angelangt. Die Kraft war aufgebraucht, da war ich mir sicher. Ich fühlte mich als würde ich die kommenden Jahrzehnte, in denen mein Körper noch atmen müsste, nur noch mit einem langsamen Sterben zwischen Kämpfen verbringen müssen.

Fehler im System?

Filme schauen, das konnte ich immer. Es muss im Januar 2014 gewesen sein, als ich den Film „Mary & Max“ zum ersten Mal sah. Seelisch ging es mir da gerade etwas besser, ich hatte sogar einen neuen Job, wenn auch nur in Teilzeit.

Zurück zum Film: einer der Hauptcharaktere im Film, Max, hatte das Asperger Syndrom. Ich hatte erst kurz zuvor etwas davon in irgendwelchen Dokus gehört. Aber ich wusste nicht viel darüber. Doch der Film ließ mich hellhörig werden.

Ich hatte bereits mit 17 Jahren eine Dokumentation über Autismus im Fernsehen gesehen, so nebenher. Dort wurden Sequenzen eingeblendet und daraufhin erklärt wie ein Autist das jetzt im Gegensatz zum „normalen“ Menschen wahrgenommen hätte. Schon damals hatte ich mich gewundert, weil ich es immer auf eben diese Art wahrnahm. Den Gedanken tat ich aber schnell wieder ab, denn für autistisch hielt ich mich nicht. Das hätte man doch schon im Kindesalter merken müssen dachte ich.

Ein paar Tage nachdem ich Mary & Max gesehen hatte kaufte ich mir beim Besuch einer Buchhandlung eine Biografie einer Autistin und Literaturwissenschaftlerin. Auch hier fand ich mich nur teilweise wieder, es gab zwar Parallelen, vieles konnte ich an mir nicht feststellen, anderes wiederum was selbst ich immer sehr eigenartig fand und daher stets geheim halte wurde im Buch nicht erwähnt.

In jener Zeit entwickelten sich auch in meiner neuen Arbeit Konflikte, und ich hatte keine Ahnung woher das schon wieder kam. Scheinbar verstand ich alles falsch, und das größte Problem war dass mir der Rundumblick über das Büro fehlte (als Assistentin) und dass ich nicht sehen konnte wann und ob die Kollegen oder Kunden gerade irgendwelche Bedürfnisse haben. Ich hatte wirklich keine Ahnung wie man so etwas sehen sollte. Auch einzelne Worte gingen so oft unter, vieles von dem was meine Chefin sagte kam bei mir nur als ein Rauschen an, obwohl sie vor mir stand. Ich verstand gar nichts mehr.

Ich stellte weitere Recherchen über das Asperger-Syndrom an. Bei Youtube stolperte ich über ein Video das einen autistischen Jungen, der die selben Verhaltensweisen zeigte wie ich seit früher Kindheit. Es war ein Schock das zu sehen, vor allem zu erkennen dass ich damit nicht allein war. Ich machte Online-Test die anzeigen sollten ob es sein könnte das Asperger-Syndrom zu haben. Die Tests waren durchweg Volltreffer.

Das musste geklärt werden, das wusste ich. Ich meldete mich beim Autismus-Zentrum hier in der Stadt. Dort waren jedoch für die nächsten 14 Monate voll ausgebucht. Glücklicherweise konnte ich von dort eine andere Kontaktadresse in einem Ort bekommen, den ich innerhalb von zwei Stunden mit dem Zug erreichen konnte. Ich schrieb dorthin eine Mail. Tatsächlich bekam ich zeitnah einen Termin für ein erstes Gespräch. Ich war super aufgeregt.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es sich so seltsam anfühlen würde zum ersten mal eine Einrichtung zu betreten die als gemeindenahe Psychiatrie ausgezeichnet war. Na klasse, dachte ich, soweit sind wir nun also schon. Mein Gespräch an diesem Tag dauerte über zwei Stunden und endete damit dass die Medizinerin auch die Verdachtsdiagnose Asperger aussprach. Es folgte ein Marathon aus Fragebögen, die ich, mein Mann, meine Mutter ausfüllen mussten. Ich kopierte alte Schulzeugnisse, musste Blutwerte abklären lassen, kam gerade noch um ein MRT herum.

Der zweite Termin in der Klinik dauerte einen halben Tag. An diesem Tag wurden verschiedene Tests gemacht wie IQ-Test und ein sogenanntes ADOS (dabei werden verschiedene Aufgaben gestellt, die ein antrainiertes Kompensationsverhalten durchbrechen sollen und das dahinter versteckte autistische Verhalten zeigen sollten).

Ich verbrachte danach lange Wochen des Wartens auf einen Befund. An dem Tag als ich eine E-Mail bekam in der mir zumindest mitgeteilt wurde dass ich wohl im autistischen Spektrum sei saß ich am Ufer der Elbe und starrte die kleinen gleichmäßigen Wellen an und fühlte mich seltsam leicht. Das war es also. Ich hatte ein Wort gefunden. Und jetzt? Ich fühlte mich leicht paralysiert aber auch unendlich erleichtert.

Ich besorgte mir noch mehr Bücher zum Thema, ich musste wissen was jetzt zu tun sei. Ich hatte zwar noch ein Abschlussgespräch mit der Medizinerin und bekam einen ausführlichen schriftlichen Befund, aber wie ich nun mein Leben zu gestalten habe um gesund und glücklich zu sein stand da nicht drin.

Ich las Rudy Simones „Aspergirls“(Ratgeber) und Axel Brauns „Buntschatten und Fledermäuse“(Biografie). Ich verbrachte viele Stunden damit auf Seiten und Zeilen zu weinen. Endlich konnte ich verstehen was mein ganzes Leben schon vor sich gegangen war, endlich wusste ich warum fast alles so ein Kampf war, warum meine Batterie sich schon so leer anfühlte und endlich konnte ich die gefühlte schwere Gesamtschuld an allem loslassen.

Skeptisch wie ich war suchte ich mir übrigens noch eine zweite Anlaufstelle um die Diagnose noch einmal checken zu lassen. So kam es dass ich einen Tag in Göttingen verbrachte und eine Bestätigung der Diagnose einholte. Nach diesem Tag erfuhr ich in Online-Foren dass der Dr. in Göttingen sehr streng bei den Kriterien sei. Bei mir schien er sich aber sicher zu sein dass die Diagnose zutreffe. Die Tests in Göttingen waren für mich anstrengender als die erste „Runde“. Hier merkte ich wirklich wie es ist wenn ein Fachmensch seit vielen Jahren mit Autisten arbeitet. Beim ADOS war ich schon bei der ersten Aufgabe total durch den Wind. Meine Kompensation wurde einfach weggespült. Als der Dr. beim sich Umdrehen mein Knie streifte bin ich vor Schreck fast vom Stuhl gefallen weil ich so empfindlich in dem Moment war.

So – was habe ich nun gelernt?

Also Asperger – eine tiefgreifende Entwicklungsstörung – kein spontanes und intuitives Lesen und Aussenden von Mimik, Gestik und Intonation; soziale Kontaktschwierigkeiten, Routinen, Detailwahrnehmung auf Kosten des Gesamtbildes, exzessive und ungewöhnliche Interessen, motorische Manierismen, Kompensation unter enormen Energieverbauch, sensorisch zu empfindlich, selektiver Mutismus, Komorbiditäten. Und all das führt ab und an zu Overload, der wiederrum zum Meltdown oder Shutdown führt, dem Runterfahren aller Systeme mit dem ich so vertraut war. Das war es also das Mysterium, das mich entweder explodieren oder fallen lies wenn ich keine Rücksicht auf mich selbst nahm.

„Asperger ist ein seltsames Tier“ sagt die Ärztin im Film „Mozart und der Wal“ zu Donald. Ein seltsames Tier, und nun musste ich wohl lernen es zu zähmen – oder mich mit ihm anzufreunden.

Wir haben vergessen was Freiheit ist

Freiheit ist nicht nur ein Luxus den ich für mein Leben möchte, es ist für mich persönlich wirklich lebensnotwendig. Der Grund dafür ist dass die Standards dieser Gesellschaft auf neurotypische Menschen abgestimmt sind. Für mich würde ein Gefangensein darin heißen diese Kämpfe weiterzuführen, mich anzupassen zu dem Preis meiner letzten Energiereserven.

Ich muss nun lernen, und in dem Prozess stehe ich zur Zeit, glücklich zu sein so wie es für mich nur möglich ist. Ich muss lernen sowohl Nein als auch Ja zu sagen wenn ich es wirklich mit voller Überzeugung sagen kann.

Beruflich nehme ich mir die Freiheit erst einmal nicht besonders große Mengen an Geld zu verdienen, aber Fähigkeiten zu lernen, einzusetzen und auszubauen, die es mir ermöglichen Wertvolles zu schaffen ohne gleichzeitig dauerhaft auf die soziale direkte Interaktion angewiesen zu sein.

Ich lernte mehr und mehr das Internet als Mittel zum Zweck meiner Beziehungen und Kontakte schätzen. Mich persönlich kostet das viel weniger Energie als direkte Treffen.

Meine einzige Beziehung die ich jeden Tag Face-to-Face pflege ist meine Ehe und die hat sich über die Jahre ganz automatisch schon auf dem Grundprinzip der beidseitigen Freiheit entwickelt, so dass ich mir in diesem Kontext mein Leben und Tun so einrichten kann wie ich es kann und wie es mir hilft.

Und gesellschaftliche Konventionen? Was sind das überhaupt? Von allen Seiten wird einem zugetragen wie man zu sein hat auf Grund des Geschlechts, des eigenen Alters, der Kultur, aufgrund dessen was man irgendwann in jungen Jahren studiert hat… auch an dieser Stelle will ich zunehmend lernen darüber zu stehen. Viele dieser Vorstellungen passen einfach nicht auf mich und ich tue mir nicht diese Gewalt an mich in diese Schubladen zu zwängen.

Auch darf ich mich so akzeptieren wie ich bin weil ich daran glaube dass ich so geschaffen wurde, dass es kein Unfall war der mich neurodivers gemacht hat. Warum sollte Gott also darauf bestehen mir mehrmals pro Woche in Menschengruppen begegnen zu müssen anstatt mich da zu finden wo ich dauerhaft gesund leben kann. Warum sollte er darauf bestehen dass ich dauernd in spontanen verbalen Äußerungen mit ihm sprechen muss wenn er mir eine visuelle Art zu denken geschenkt hat und der Übersetzungsprozess zu verbalen Äußerungen für mich immer mit einer gewissen Unnatürlichkeit einhergeht? Außerdem habe ich gelernt, dass ich mich gut in persönlicher Liturgie als eine Art von Routine zurecht finde und mir das viel Kraft gibt, beispielsweise habe ich mir eine Gebetskette und ich mag sehr das Lectio divina. Ich nehme weiterhin an Treffen mit anderen Christen teil, aber ich überfordere mich damit nicht mehr. Viel mehr genieße ich nun den wohl dosierten Kontakt zu den mir so lieb gewordenen Menschen.

Und so versuche ich nun mein Leben in Freiheit und Losgelöstheit von den Ansprüchen der „Norm“ zu führen. Im gleichen Maß versuche ich jeden Menschen der mit mir in Kontakt steht mit dem höchsten Maß an Respekt den ich einem Menschen entgegenbringen kann und dem Befreiendsten was ich mir im Umgang vorstellen kann zu überhäufen – was bedeutet jedem Freiheit der Persönlichkeit und der Gestaltung des Lebens und des Seins zuzugestehen. Ich versuche nicht zu urteilen, nur gegen Ungerechtigkeiten die Schwächeren schaden zu sprechen. Und ich gestehe ein, dass ich andere Menschen auch nicht immer verstehe, geschweige denn durchschauen kann. Jeder ist vielschichtig und komplex und läuft seinen Weg, und das ist auch gut so. Ich will wieder herausfinden was Freiheit ist für mich und für jeden auf dass wir alle glücklich und gesund sein dürfen.

Flausch statt Empörung

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Insbesondere in meinem privaten Facebook Account versuche ich ab und an über die Eskalation unserer Wutbürger in Sachsen aufmerksam zu machen. Ein Grund dafür ist, dass ich mich davor fürchte dass vor allem in ländlichen sächsischen Gegenden eine Generation aufwächst für die Rassismus vollkommen normal ist und die keinen Widerspruch dazu erleben. Das stößt teilweise auf sehr wenig Gegenliebe. Mehrmals kamen Leute auf mich zu die meinten, ich solle damit aufhören da es keine gute Laune macht und ich das Ganze einfach ignorieren soll. Infolge dessen habe ich dieses Video erstellt um meine Emotionen bezüglich der sozialen Medien in Zeiten wie diesen zu illustrieren:

 

 

Bitte gehen Sie weiter: Es gibt hier nichts zu helfen!

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Das würde ich an manchen Tagen gerne Leuten zurufen, die ihre gut gemeinten Ratschläge in übergriffiger oder bevormundender Weise an den Mensch bringen, und dabei auf den Beratschlagten eine Person projizieren welche demjenigen in oft keinster Weise entspricht.

Es gibt auch gute Ratschläge, für die ich unsagbar dankbar bin und Menschen die zuerst nachfragen was überhaupt Sache ist und ihre eigenen Gedanken in respektvoller Art und Weise auf Augenhöhe äußern. Das mag ich.

Aber was sind übergriffige Ratschläge?

Meiner Meinung nach: wenn jemand Ansprüche und Wünsche auf jemand anderen projiziert und dann im eindringlichen (nahezu Befehls-)Ton einen fertigen Plan für das Leben des Anderen präsentiert. Dabei spielt es keine Rolle was der Beratschlagte eigentlich möchte und denkt. Wenn er äußert, kein Interesse am Thema zu haben oder sich das anders vorzustellen wird das wahlweise ignoriert oder mit einem „Ach, das ändert sich noch.“ abgetan. Hinterher wird es unter Umständen übel genommen wenn der Ratschlag nicht angenommen wird.

Wer agiert so?

Meiner Erfahrung nach Menschen, die nicht nah genug stehen um die jeweilige Situationen wirklich gründlich durchschauen zu können aber nicht weit genug weg um eben diese Personen im Gespräch ignorieren zu können.

Wie würde ich ein übergriffiges Gespräch führen?

Vorsicht, das ist rein fiktiv, überzeichnet und dient der Deutlichmachung der Thematik:

Ich: Würdest du nicht auch gerne malen?

Jemand: Nö.

Ich: Ach das ändert sich noch. Wart’s nur ab, wenn du den Pinsel erst mal in der Hand hast willst du eh nichts anderes mehr. Du hast jetzt nur Angst es nicht zu schaffen. Lass dich doch von dieser Angst nicht beherrschen! Pass auf, da ist ein Geschäft an der Heeresbäckerei, du musst spätestens nächste Woche dahin gehen. Ruf mich an. Ich helfe dir eine Staffelei auszusuchen. Ich bau sie dir auch zuhause auf. Und dann musst du dich bei einem Kurs anmelden. Das musst du aber auch machen! Aber Platz freiräumen zuhause musst du schon selbst. Das kann ich wirklich nicht auch noch für dich machen. Ich helfe dir ja gerne, das weißt du hoffentlich. Das muss dann nächste Woche soweit vorbereitet sein. Ich bringe dir Pinsel mit. Aber du musst echt vorher Zuhause Platz machen. Weißt du schon welche Farben du verwenden willst?

Jemand: Ich will doch aber gar nicht…

Ich: Du musst dir überlegen was du willst. Malen Zuhause oder einem Kunstkurs? Ich kann dir die Entscheidung nicht abnehmen. Das musst du mittlerweile wissen!!! Aber lass dich nicht so von der Angst beherrschen. Kopf hoch, du lernst zu malen! Und schreib mir, wenn du meine Hilfe nicht annimmst kann ich’s auch nicht ändern. Mehr als Hilfe anbieten kann ich leider auch nicht. Du musst die Hilfe halt auch annehmen wollen!

Was stimmt daran nicht?

Der „Jemand“ wird 1. nicht ernst genommen, es wird ihm nicht zugetraut ein erwachsener Mensch zu sein, der eigene Entscheidungen für sein persönliches Leben treffen kann und „Ich“ weiß sowieso besser was „Jemand“ will, er muss es nur begreifen.

Was sind die Top-Themen mit denen ich in solcher Form mehrmals wieder konfrontiert wurde (obwohl ich immer sagte dass das momentan kein Thema für mich ist)?

  •  zeitnahes Anschaffen von mindestens einem Kind (Top-Thema!)
  • Anmietung eines Schrebergartens (bemerkenswert oft, obwohl ich nie eine Geheimnis aus meiner Abneigung gegenüber Gartenarbeit gemacht habe)
  • Kauf eines Autos
  • Abschneiden meiner Haare
  • Aufgeben meiner Interessen
  • (einer meiner Favoriten:) das mit dem Asperger vergessen oder wenigstens darauf keine Rücksicht nehmen (= keine Rücksicht auf mich nehmen)
  • Nachholen einer kirchlichen Hochzeit

Wenn ich mir die Liste so anschaue kann ich nur sagen: Das ist der Stoff aus dem meine Albträume genäht wurden.

Natürlich kann es sein dass sich manche Dinge und meine Einstellung zu manchen Dingen oder meine Wünsch ändern. Aber dann weil es natürlich so passiert und nicht weil mir das irgendwer so eingetrichtert hat.

Was würde ich mir stattdessen wünschen? – Die Weisheit der Selbsthilfegruppen

In vielen Selbsthilfegruppen gibt es Regeln der gegenseitigen Kommunikation. Ich denke wir könnten alle respektvoller miteinander umgehen und uns seltener gegenseitig verletzen wenn man solche Kommunikationsregeln auch im Alltag beachten würde.

Zum Beispiel:

  • nicht unterbrechen
  • nur von sich selbst, also in der „Ich“-Form sprechen, nicht mit „man“ oder „wir“
  • die Gefühle und Erfahrungen des Gegenübers stehen lassen
  • keine vorschnellen Ratschläge geben, bzw. ungefragt überhaupt keine Ratschläge geben
  • warum-Fragen vermeiden und eher unterstützende Fragen stellen wie z.B. „ Wie hast du dich dabei gefühlt?“
  • die Grenzen des Gegenübers respektieren
  • Gefühle aushalten anstatt sofort zu trösten oder zu urteilen

Ich persönlich würde Kommunikation in diesem Rahmen stets schnellen Ratschlägen, Urteilen sowie Erklärungsversuchen vorziehen.

Ich denke ich werde nun versuchen diese Regeln zunehmend zu verinnerlichen.

Hier fand ich einen ähnlichen Beitrag in einem Blog namens Suedelbien.

Begegnung mit sich selbst in nächtlicher Kreativität

Liebe Menschen,

vor vier Tagen schrieb ich unter anderem über die acht Aspekte für ein gesundes Leben nach Dr. Walsh. Ich habe Euch angedroht, dass ich künftig diese einzelnen Dinge wieder aufgreifen werde um soweit dies in meinen Möglichkeiten steht Tipps für ein gesundes und glückliches Leben als (autistischer oder hochsensibler) Mensch zu führen. Eigentlich bedeutet dies eher, dass ich Euch auf mein eigenes Suchen mitnehme. Im heutigen Blogpost geht es um Freizeit, bzw. im gewissen Sinn auch um Stressmanagement.

Am Samstag Abend/Nacht hatte ich die Wohnung für mich allein, für diese Zeit hatte ich einen kreativen Abend eingeplant. Ich freute mich sehr darauf. Ich finde, dass Nächte ein ganz eigenes Potential für Kreative oder einfach Menschen die sich gern mal kreativ austoben wollen bergen. Nächte sind still, uns überflutet kein Tageslicht, das Telefon klingelt nicht und (ich zumindest) komme Abends eher zur innerlichen Ruhe als am Tag.

Was ist eine Kreativnacht?

Es ist einfach ein Abend oder eine Nacht in der ich mir Raum und Zeit freischaufele um etwas zu kreieren ohne den Druck eines perfekten Ergebnisses zu haben. Dafür stelle ich ausreichend Verpflegung und alles was ich für mein kreativ sein benötigen könnte bereit.

Den Raum richte ich mir für diese Zeit nach meinen sensorischen Bedürfnissen und Vorlieben ein.

Ich finde man kann auch als Nicht-Künstler mal eine Kreativnacht abhalten. Ich gestaltete mir den Raum und die Athmosphäre angenehm und ließ einfach das vielleicht unbewusste Innere durch das Kreieren von Bildern nach außen. Vielleicht ist es für andere sinnvoller zu schreiben oder zu musizieren (Vorsicht bei Nacht wenn du lärmempfindliche Nachbarn hast) oder schnitzen, basteln oder was auch immer. Ich denke die Möglichkeiten sind unzählig und es geht auch mehr um den Prozess als darum künstlerische Meisterwerke herzustellen. Generell ist es sinnvoll nicht zu sehr an das Endergebnis zu denken sondern den Prozess des Entstehens bewusst zu erleben und zu genießen.

So verlief mein Abend (der sich bis in die Morgenstunden zog):

Nach gewissen Startschwierigkeiten meines kreatives Vorhabens (ich fand zuerst keine Inspiration) zeichnete ich mit Bleistift und Kohle einfach sämtliche Formen drauf los, die mir in den Sinn kamen. Dabei ergab sich dieses Bild:

Zeichnung

Zeichnung vom Kreativabend

Es ist sicherlich keine künstlerisch-handwerkliche Meisterleistung. Aber das tat auch gar nichts zur Sache. Ich empfand es als sehr befreiend einfach das rauszulassen was unbewusst in mir war. Im Moment kann ich auch keine Erklärung in Worten dazu abgeben 🙂 Nachdem ich zwischendurch etwas Gitarre gespielt hatte setzte ich mich an ein Portrait. Dies ist das Ergebnis:

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Portrait

Ich mag die Kontraste darin sehr. Vor allem mag ich, dass die eine Seite des Gesichtes im Schatten liegt und die andere vom Licht angestrahlt wird. Außerdem gefällt mir der freundliche Blick (den ich so vom Foto das ich zur Vorlage dahatte übernahm). Zwangläufig dachte ich an ein Lied dass ich mal im Radio gehört hatte. Ich weiß nicht mehr worum es in dem Rest des Textes ging (tut jetzt auch nichts zur Sache) aber an eine Zeile musste ich bei diesem Bild denken: „… dass die Tage ziemlich dunkel sind, doch dein Lächeln bleibt.“ . (ich habe gerade gegoogelt, es handelt sich um das Lied Wolke 4 von Phillipp Dittberner)

Hier ist ein Video zu meinem kreativen Abend:

Hilfeschrei

Warum sehen diese Menschen nicht was sie diesen Kindern antun, welche seelischen Schmerzen und welche Hilf- und Hoffnungslosigkeit durch diese „Therapie“ ihr Leben beherrscht? Jedes Kind hat das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, auch wenn die Eltern sich offenbar schwertun ihr eigenes Kind so zu anzunehmen wie es ist.

Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

Ich tue mich schwer damit diesen Blogpost zu schreiben. Um Hilfe bitten fällt mir nicht leicht und alles was ich in meiner Arbeit gegen die ABA Lobby erlebt habe war schmerzhaft und prägend. Ich sehe aber keine andere Möglichkeit mehr und darum schreie ich nun verzweifelt um Hilfe.

In Namen des „Kindwohles“ von autistischen Kindern wird immer mehr eine „Therapie“ angewandt die sich Applied Behavior Analysis (ABA) nennt.

Wie sowas aussieht? Schaut selbst

Durchgeführt an einem dreijährigen Autisten durch eine zertifizierte ABA Therapeutin. Nun stellt Euch bitte vor, dass das 40 Stunden die Woche und mehr mit autistischen Kindern gemacht wird. Eine Vertreterin in Deutschland sagt sogar:

„Optimalerweise die gesamte Wachphase des Kindes“

Wer nun denkt sowas gibt es in Deutschland nicht sollte sich dieses Video anschauen:

Videobeispiel ABA

Es ist zwar in Englisch aber von einem Menschen der in Deutschland ABA kommerziell anbietet.

ABA ist eine Umerziehung und keine…

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Von Hackern lernen…

Ihr lieben Menschen,

ich habe in einem Gespräch neulich den gedanklichen Anstoß bekommen, in meinen Beiträgen mehr praktische Tipps zu schreiben. Ich denke dies bezieht sich darauf, wie ich mit meinem ASS umgehe, vor allen Dingen. Allerdings möchte ich nicht explizit für AS Menschen schreiben, denn vieles trifft ebenfalls auf hochsensible oder schlicht introvertierte Menschen zu oder wen auch immer…

Es ist ein wenig verrückt wenn ich nun behaupte ich hätte fertige Lösungen zu bieten, denn ich bin selbst ständig auf der Suche und am optimieren der Dinge auf die ich Einfluss habe. Daher kann ich euch nur auf diese Suche mitnehmen und von den Hilfen die ich finde berichten. Was auch nur bedeutet, dass das für mich als einzelne Person in diesem Moment funktioniert. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich denke wenn ich mich auf eine Suche mache muss ich zuerst mein Ziel festlegen. Ich glaube, ich persönlich möchte gesund, glücklich und kreativ (bzw. meinen praktischen Beitrag im Leben bringen) leben.

Als ich einen Kurs für Online-Marketing belegte, empfahl mir jemand ein TEDx Video (danke übrigens). Darin spricht ein 13-Jähriger über „Hackschooling“. Hier findet ihr das Video, es lohnt sich sehr dies anzuschauen, im Prinzip würde es für diesen Blogbeitrag schon genügen nur diesen Jungen zu verlinken:

Interessant finde ich die Theorie von Dr. Roger Walsh „Lifestyle & mental health“.

Hier sind noch einmal die acht Aspekte die Laut Dr. Walsh einem gesunden Leben zuträglich sind (frei übersetzt):

1. Sport

2. Ernährung

3. Zeit in der Natur

4. einen Beitrag bringen & einen Dienst tun

5. Beziehungen

6. Freizeit

7. Entspannung und Stress Management

8. religiöses und spirituelles Eingebundensein

Ich mag die Idee des „Hackens“ des ganzen Lebens, das im Video erklärt wird. Hacker möchten Systeme durchdringen, einfachere, bessere neue Wege finden und Systeme verändern. Ich möchte die Verantwortung für mein eigenes Leben ergreifen und meine Welt dementsprechend hacken, Möglichkeiten nutzen und konstruktiv mit Herausforderungen umgehen.

Um ein System in die Geschichte zu bringen werde ich den 8 Aspekte nach Walsh „bearbeiten“ und Lösungen finden die auf mich passen.

Ich denke ich werde in Zukunft ein paar Beiträge zum dazu veröffentlichen wie ich mein Leben und meine Umwelt ein wenig „hacke“ um gesund, glücklich und kreativ zu leben.

So lange: bleibt entspannt und  „hackt“ was das Zeug hält 😀

Soziale Katerstimmung

Wenn du ein spätdiagnostizierter, sogenannter hochfunktionaler Autist bist, dann gab es in deinem Leben wahrscheinlich eine Zeit, in der du dich ebenso normal wie abnorm fühltest. Damit meine ich, dass du lange Zeit davon ausgingst, dass jeder Mensch die Welt so erlebt wie du, dass jeder Mensch so fühlt wie du, dass jeder sich durch die Tage kämpft, so erdrückt von Licht, von Geräusch, von Hektik, von Augenkontakt, von Mimik, oft so orientierungslos, dass ein jeder Mensch von Minute zu Minute seine Gesichtsbewegungen und seine Körperhaltung neu bewusst berechnen und an anderen abgleichen muss. Du dachtest wahrscheinlich dass jeder sich quält und diese Dinge durchhält und alle anderen erschienen dir so tapfer – so tapfer dass du einfach auch versucht hast durchzuhalten und auszuhalten…

Du bist vielleicht davon ausgegangen, dass jeder der dir im Alltag begegnete auch im ständigen sozialen Hangover lebt und stark genug ist sich dies nicht anmerken zu lassen, was im Klartext heißt: wenn alle anderen das können musst du es auch können. Und wahrscheinlich hast du dich gequält und bist dem „Normal“ hinterhergelaufen während die wirklich Normalen stets so viel schneller waren als du. Vielleicht kennst du deshalb sogar die häufigste Begleiterkrankung bei Autismus, die Depression.

Katerstimmung – und das obwohl ich nie Alkohol trinke, das kenne ich nur zu gut. Im Moment verlebe ich pro Woche durchschnittlich ein bis zwei Tage in diesem Zustand. Dass ich diese Zeiten auf jenes Maß hinunter regeln konnte hat allerdings seinen Preis … doch dazu später mehr.

Den (ich nenne es hier so, inspiriert hat mich dieses Bild) sozialen Hangover (dt. Kater) kennen, denke ich, die meisten Menschen. Es ist dieses Gefühl des allein-sein-müssens, des zu-nichts-im-Stande-seins nachdem man längere Zeit in der Gegenwart (mehrerer) anderer Menschen verbracht hat.

Extrovertierte Personen sind dem gegenüber relativ resistent, Introvertierte geraten schneller in die Gefahr des sozialen Hangovers, extrovertierte Autisten bewegen sich noch ein gutes Stück näher an der Grenze zum sozialen Ausgelaugtsein – und ein Dasein als introvertierter Autist – nun, das dürfte so ziemlich den Supergau beschreiben wenn es um soziale und gesellschaftliche Integration geht.

(siehe auch soziale Energielevel-Theorie).

Was ist ein sozialer Hangover?

Der soziale Hangover äußert sich (meiner Erfahrung nach) sowohl in der Unfähigkeit sich zu konzentrieren und sich zu orientieren, als auch in körperlichen Schmerzen, innerer Anspannung und psychischer Bedrückung. Dieser Zustand kann sich über Tage hinziehen.

Warum tritt ein sozialer Hangover (m.M.n.) speziell bei Autisten ein?

Wenn sich Autisten mit anderen Menschen umgeben, müssen sie viel Energie in Dinge investieren, über die neurotypische Menschen im Normalfall nicht nachdenken müssen. Dazu zählen (die eigene und die der anderen) Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegungsabläufe… wozu z.B. auch gehört die eigenen natürlichen Bewegungsabläufe zu unterdrücken. Des Weiteren sind Gespräche in denen mehr als zwei Personen involviert sind ein enormer Stressfaktor, da die viele Autisten nicht schnell genug analysieren können wann was zu sagen sozial akzeptabel wäre, während der Rest der Gruppe womöglich schon wieder das Thema gewechselt hat. Themenwahl generell ist ein weiteres Problem. Zu den Diagnosekriterien für Autismus gehört ein eingeschränktes Repertoir an Interessen, die zwar mit Leidenschaft verfolgt werden, aber durch die Interesse an den meisten anderen Themen beinahe ausgeschlossen ist.

Zu alledem gesellt sich auch noch die sensorische Überempfindlichkeit aufgrund des fehlenden Reizfilters bei Autisten. Schnell kann der Lärm einer Menschengruppe unerträglich werden und physische Schmerzen auslösen.

Welche Strategien nutze ich um damit umzugehen?

Wie einige bereits bemerkt haben dürften, bin ich ein Fan der sozialen Medien, Facebook, Twitter und co. ermöglichen mir zumindest mit meinen Bekannten und Freunden in Kontakt zu bleiben ohne mich zu oft der Überforderung des direkten Kontaktes auszusetzen.

Zudem habe ich eine kleine Anzahl an guten Kontakten, die ich und die mich gut genug kennen so dass ein Zusammensein zumindest weniger anstrengend ist.

Im Moment wirke ich vielleicht zeitweise „autistischer“ als in der meisten Zeit meines bisherigen Lebens (ausgenommen frühe Kindheit). Weil ich es mir erlaube und weil ich mich nicht mehr über die Maßen quäle nur um normal zu erscheinen.

In meiner Tasche trage ich ständig verschiedene sensorisch Filter wie Ohrstöpsel bei mir.

Ich zwinge mich seltener (aber noch zu oft) zu Augenkontakt, der mir doch nichts sagt sondern nur ablenkt von der Stimme des Gegenüber.

Ich erlaube mir wenn es nötig ist zumindest unauffällige Formen des sogenannten Stimming (das sind meist motorische sich wiederholende Bewegungsabläufe), um zumindest einen Teil der Überreizung von Außen zu kompensieren.

Und nun kommt der Teil meiner Strategie der ebenso hilfreich wie schmerzhaft ist:

Ich halte den Face-to-Face Kontakt zu jedem der mit meinen Besonderheiten wenig vertraut ist (also zu so gut wie jedem) in kurzen und seltenen Zeitfenstern.

Hier tut sich der Aspekt von (hochfunktionalem) Autismus auf, der sich tatsächlich nach Behinderung anfühlen kann. Es kann einen Menschen wahnsinnig isolieren. Auch Autisten tragen nun mal keine Scheuklappen und bemerken sehr wohl wie Menschen normalerweise als Gemeinschaften zusammenwachsen, Grüppchen bilden usw. während sie mit scheinbar ungeheurer Power immer noch ihren Alltagsaufgaben nachgehen können.

Letztendlich, bleibt Autismus im Kontext eines Umfeldes das auf das Neurotypische ausgerichtet und dafür optimiert ist das was es ist: in Teilen ein Segen (häufig bei Detailwahrnehmung, Gedächtnis etc.), im Sozialen ein Fluch und in jedem Fall ein großer Anteil der individuellen Persönlichkeit, den es (vor allem durch die autistische Person selbst) zu respektieren gilt.

Eure Flaggen und individuelles Menschsein

Wenn ich die fast wöchentlich beinah vor meiner Nase stattfindenden Pegida Demonstrationen anschaue, dann fällt mir eines auf: die Deutschlandfahnen werden zahlreicher, die Fahnenstangen höher und zunehmend sind auch in Mengen die schwarz-weiß-roten Reichsflaggen vertreten.

Ich habe den starken Eindruck dass es in unserem Land eine wachsende Gruppe von Menschen gibt, die sich selbst über ihre Nationalität definieren, die sich angegriffen fühlen wenn sich die Identität Deutschlands scheinbar ändert (und mit Willkommenskultur täte sie dies zweifellos). Die sich über ein altes Deutschland identifizieren, die diesem Geist hinterherjagen und ihre eigene Existenz an der Existenz dieses schwarz-weiß-roten Deutschlandgespenstes festmachen.

Warum ist das so?

Haben diese Menschen es verpasst sich Gedanken über ihre eigene Identität zu machen? Haben sie so wenig Selbstbewusstsein dass sie sich verzweifelt an ein Nationalbewusstsein klammern müssen?

Gibt es diese Menschen nur solange es ein traditionelles Deutschland gibt in dem exklusiv traditionelle Deutsche leben, würden sie sich sonst in Luft auflösen oder zu Staub zerfallen?

Wer sind wir, wir als Menschen? Sind wir das Land in dem wir geboren wurden? Sind wir die Nationalität die in unserem Ausweis vermerkt wurde?

Wer wir als Person sind müssen wir herausfinden, dieser Prozess wird auch als Erwachsen werden beschrieben. Das Land in dem wir geboren wurden kann uns diese Aufgabe der Selbstfindung nicht abnehmen.

Wer bist du? Ein Deutscher? Ein Patriot? Schwarz-weiß-rot? Bist du das was andere dir anerzogen oder dir von einer Bühne aus zugerufen haben?

Was würde passieren wenn dieses Land sich verändert – du kennst dieses Wort „Multi-Kulti“- was wäre dessen Konsequenz? Würdest du verschwinden? Bist du deshalb so ängstlich, weil du selbst unsichtbar wirst wenn dein Land neue Wege geht? Verlierst du deinen Wert, weil du nur soviel Wert bist wie die Menge an Anhängern deiner Traditionen groß ist?

Musst du deshalb denen die du als Individuen wahrnimmt, und von denen du sonst nichts weißt, „Faules Pack“ entgegen brüllen? Ist es dein verzweifelter Versuch denen die scheinbar das geschafft haben wovon du so weit entfernt bist ihren Wert abzusprechen? Misst du den Wert eines Menschen an der Schnittmenge seiner Taten, seines Aussehens und seiner Worte und dem was dein „Volk“ als traditionell ansieht?

Hast du so wenig über dich selbst gelernt, dass du sogar Religionen für die du sonst nur Spott übrig hast als Aushängeschild deiner Volksidentität missbrauchen und dich hinter ihnen verstecken musst?

Bitte, werde erwachsen, lerne dich kennen. Lerne, was du wirklich magst, an was du glaubst und was du wirklich vom Leben willst. Lerne was dich ausmacht und was du dir von Herzen wünschst. Und wenn du in deinem tiefsten Inneren das vorfindest, was du als traditionell deutsch empfindest, dann ist das ok. Dann kann dir das keiner nehmen, deine Traditionen und Werte die du, wirklich du selbst, liebst. Wenn du an diesem Punkt angekommen bist wirst du keine Angst mehr haben, denn dann weißt du das jeder Mensch diesen Prozess durchlaufen muss und am Ende sein Leben lebt wie es ihm entspricht, und du wirst endlich auch die respektieren die dir so anders erscheinen.

Wenn all diese Menschen, die mit dir durch die Straßen spazieren, – statt dem Üblichen – Flaggen tragen würden, auf denen ihr eigener Name steht, dann müsste sich jeder damit auseinander setzen welche Vorstellungen und Werte er damit fordert und könnte seine Identität nicht mehr durch das „Volk“ ersetzen lassen. Vielleicht wären manche dann nicht mehr ganz so laut.

Allesrauschen

Ich bin einfach stehen geblieben

stehengeblieben zwischen den Welten

im Nirgendwo, im Nebel

zwischen Jetzt und Irgendwann.

Ich bin stehen geblieben

vor den Bergen am Rand der Straße,

vor all den meterhohen Hürden

den Festungen dieser Wirrungswelt.

Ich bin stehen geblieben

weil ich nicht länger über

Grashalme zu fallen, auf Bordsteine zu klettern vermag.

Bin stehen geblieben weil

im Getose der Zeit Worte entspringen

welche ich wohl zu sehen,

doch nicht zu erschließen vermag.

Bin stehen geblieben

weil alles um mich nur Rauschen ist

ein Allesrauschen,

und ich frage mich wie sie noch spielen –

die Kinder

und wie sie noch laufen –

die Eltern

und wie sie noch schauen –

die Alten

wo doch alles Rauschen ist und erstaunt

sehe ich all den Füßen zu beim Gehen

unter der Nebelschicht des Allesrauschens

Ich blicke herab und sehe meine eigenen

sich bewegen

langsam

zu langsam

über Grashalme fallend, auf Bordsteine kletternd

zu viel Schwerkraft, klebt die Sohlen auf Asphalt

Fahrt vorüber, seht nicht herab als seien sie verrückt,

diese Füße,

denen der Kopf fehlt zum Sehen und zum Hören

weil alles nur noch Rauschen ist

und während ich stehenbleibe

laufen sie einfach weiter –

meine Füße und ich weis nicht wohin

denn ich stehe hier.

Im Allesrauschen.

Weil es mich nicht loslässt…

Weil es mich nicht loslässt.
Weil es mich innerlich zerreißt.
Neulich habe ich ein Bild skizziert, das ich einfach nicht von meinem inneren Auge ausblenden konnte.
Auf die Rückseite des Blattes habe ich geschrieben „Und was lässt DICH nicht schlafen?“
Das Bild zeigt einen Flüchtling in einer Unterkunft, nachts, über und unter ihm sind die Dinge dargestellt die ihn wach halten: die Bedrohungen in seiner Heimat (unten) und die Bedrohungen die ihn hier belasten (oben).
Wie man sieht, kann ich gedanklich an die Flüchtlingskrise nicht heran treten ohne emotional zu werden.
Vielleicht halten mich manche für undifferenziert, vielleicht entspricht es gar den Tatsachen dass ich mehr als ich möchte mit einer der politischen Seiten sympathisiere. Vielleicht bin ich zu parteiisch in der Diskussion die unser Land derzeit nicht zur Ruhe kommen lässt.
Aber wie sollte ich auch neutral bleiben, so nahe an einem der deutschen Brennpunkte, so vernetzt dass mich jeden Tag die Nachrichten aus allen Richtungen erreichen, erschrecken, aufregen.
Wie viel Zeit habe ich damit verbracht in unserer Wohnung hin und her zu streifen während mein Hirn versucht meine Gedanken zu ordnen und sinnvoll zu verknüpfen.
Ich scheitere daran ein System in das allgegenwärtige Chaos oder das Chaos in ein System zu bringen.
Als ich am Morgen des 14. November erwachte hatte ich Angst davor nach den aktuellen Nachrichten zu schauen. Denn ich wusste ja bereits was in Paris geschehen war. Und ich wusste es bleibt nicht nur bei der Tragödie an sich, das Elend wird sich in vielen Köpfen vermehren. Mehr Sorgen, mehr Verwirrung.
Die Frage ist doch, wo stehe ich in all dem Chaos, das hier weniger chaotisch ist als in so vielen anderen Ländern auf dieser Welt.
Spielt es denn überhaupt eine Rolle wo ich stehe? Hat es irgendeine Auswirkung auf die Gesellschaft? Um einen Ansatzpunkt festzulegen: ich sehe es nicht als meine persönliche Aufgabe hart gegen die zu sein, die zu uns kommen. Es ist einfach nicht meine Aufgabe zu urteilen wer berechtigt hier ist und wer nicht. Ich habe nicht über Bleiben oder Gehen zu entscheiden.
Vielleicht hat unser soziales System seine Kapazitäten früher oder später erreicht. Ich weis es nicht. Doch dies ist nicht die Baustelle deren Stellschrauben ich oder du unmittelbar in der Hand haben. Und ich bin mehr als froh darüber solche Entscheidungen nicht treffen zu müssen. Und so bleibe ich bei meinem Idealismus, weil ich daran glaube dass „wir es schaffen“. Was bleibt auch sonst?
Mein Wirkungskreis dehnt sich nur auf einen sehr beschränkten Bereich aus. Hier im direkt Zwischenmenschlichen, in meinen Beziehungen, und in den Botschaften die ich an andere Menschen, die ebensolche Wirkungskreise haben weitergebe.
Und wenn ich ehrlich bin überfordert mich selbst dieser Bereich von Zeit zu Zeit, eigentlich meistens.
Es fällt mir so schon schwer mit anderen Menschen umzugehen, Blicke, Worte, Gesten auszuhalten und gleichzeitig zu versuchen zu reagieren, zu interagieren.
Wie groß meine eigene Furcht vor Fremden und Fremdheit ist, das kann ich kaum in Worte fassen.
Dennoch fühle ich diese Last, diesen Drang etwas tun zu müssen. Nicht tatenlos dastehen zu dürfen in Zeiten wie diesen.
Ich gehe zu Protesten gegen Pegida, stehe dort und muss mich wieder hinterfragen. Lasse ich mich instrumentalisieren? Ich weiß doch selbst weshalb ich dort stehe, dass ich nur will dass irgendjemandem auffällt dass es nicht nur Härte gibt in dieser Stadt, in diesem Land.
Zerrissen fühle ich mich zwischen den rationalen Überlegungen ob unsere Gesellschaft die große Zahl an hilfsbedürftigen Menschen nicht mehr auffangen kann und meinen Gefühlen die mir sagen, dass wir jeden aufnehmen, jedem helfen sollten und das wir Verantwortung haben, gerade weil es uns gut geht.
Ich vertrete das was so viele Asylkritiker heutzutage angeblich verteidigen wollen: die christlichen Werte. Ich kann und will gerade deshalb nicht ignorieren was der Christus selbst lebte und sagte. Ist es meine Aufgabe geschlossene Grenzen zu fordern und damit Möglichkeiten der Hilfe zu beschränken? Kann ich, können wir uns vielleicht einen Tropfen unvernünftigen Optimismus leisten?
Kann ein Mensch optimistisch bleiben während um ihn im übertragenen Sinne ein heftiger globaler Sturm tobt?
“Und sie traten hinzu, weckten ihn auf und sprachen: Herr, rette uns, wir kommen um! Und er spricht zu ihnen: Was seid ihr furchtsam, Kleingläubige? Dann stand er auf und bedrohte die Winde und den See; und es entstand eine große Stille. “
(Die Bibel Matthäus 8,23-27)
Kann ein Mensch optimistisch bleiben während Vorräte (finanziell, Wohnraum…) voraussichtlich nicht ausreichen?
“Als Jesus aber seine Jünger herangerufen hatte, sprach er: Ich bin innerlich bewegt über die Volksmenge, denn schon drei Tage harren sie bei mir aus und haben nichts zu essen; und ich will sie nicht hungrig entlassen, damit sie nicht etwa auf dem Weg verschmachten. Und seine Jünger sagen zu ihm: Woher nehmen wir in der Einöde so viele Brote, um eine so große Volksmenge zu sättigen? Und Jesus spricht zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Sie aber sagen: Sieben und wenige kleine Fische. Und er gebot den Volksmengen, sich auf die Erde zu lagern. Er nahm die sieben Brote und die Fische, dankte und brach und gab sie den Jüngern, die Jünger aber gaben sie den Volksmengen. Und sie aßen alle und wurden gesättigt; und sie hoben auf, was an Brocken übrig blieb, sieben Körbe voll. Die aber aßen, waren viertausend Männer, ohne Frauen und Kinder. “
(Die Bibel Matthäus 15, 32-39)
Ich verstehe dass nach rationalen Maßstäben Optimismus bezüglich der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen unangebracht erscheinen mag. Aber an alle jene die so wie ich nach anderen Maßstäben urteilen möchten, für die Glaube auch heute noch zählt: dürfen wir uns in Notsituationen vielleicht etwas mehr Unvernunft leisten?
Wer wollen wir letztendlich sein? Nicht, wer soll unser Volk sein (völkische Identifikation ist mir ohnehin zu abstrakt), sondern wer willst Du sein, wer will ich sein?
“Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und vor ihm werden versammelt werden alle Nationen, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken.
Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an! Denn mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; mich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir. Dann werden die Gerechten ihm antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig und speisten dich? Oder durstig und gaben dir zu trinken? Wann aber sahen wir dich als Fremdling und nahmen dich auf? Oder nackt und bekleideten dich? Wann aber sahen wir dich krank oder im Gefängnis und kamen zu dir? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan.
Dann wird er auch zu denen zur Linken sagen: Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn mich hungerte, und ihr gabt mir nicht zu essen; mich dürstete, und ihr gabt mir nicht zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich nicht auf; nackt, und ihr bekleidetet mich nicht; krank und im Gefängnis, und ihr besuchtet mich nicht. Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden hingehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber in das ewige Leben. “
(Die Bibel Matthäus 25, 31-36)
Ich habe nicht vor zu den Böcken zu gehören. Lieber will ich ein Schaf sein, selbst wenn manche Menschen die Schafe belächeln, selbst wenn Schafe töricht wirken. Vielleicht sind Schafe unvernünftig. Vielleicht ist Vernunft nicht immer der Weisheit letzter Schluss.
Ich kann mein Mitfühlen nicht abstellen, ebenso wenig die Wut wenn ich manche Anfeindung, Ablehnung und Gewalt die gegen Minderheiten gerichtet werden sehe. Doch ich muss damit umgehen, jeden Tag. Wichtig ist beides in konstruktive Handlungen umzuwandeln. Daran will ich arbeiten.