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Die Bücher von John und Stacy Eldredge über Ehe und Frau- bzw. Mannsein erfreuen sich in christlichen (zumindest den evangelikalen) Kreisen seit Jahren reger Beliebtheit. In meinem Bücherregal stehen „Weißt du nicht, wie schön du bist?“, „Der ungezähmte Mann“ und „Das wilde Herz der Ehe“. Um das vorweg zu nehmen – Wenn ich den Büchern des Ehepaares Eldredge also gar nichts abgewinnen könnte hätte ich mich dieser Exemplare bereits entledigt.

Ich finde dass die beiden sehr motivierend schreiben können, anhand von Geschichten (meist aus Filmen) Bilder vor das innere Auge rufen und mittels dieser ihr Menschsein feiern. Das mag ich sehr. Auch beschreiben sie viele Einzelheiten des Gefühlslebens von Männern und Frauen … äh … Menschen. Hier fängt genau mein Problem an, welches ich als Frau mit den hochgelobten, hochgehypten Eldredge-Büchern habe. So viele Menschen (wahrscheinlich auch in meinem Bekanntenkreis) haben diese Bücher gelesen und ich mache mir so meine Sorgen, was diese jetzt wohl über Frauen und über sich selbst denken…

Ich will Euch das kurz anhand von drei Schwerpunkten aus den Büchern erklären:

1. Was wollen Männer, was wollen Frauen?

Die Eldredge’sche Rollenverteilung sieht Folgendes vor:

Der Mann will:

Ein Abenteuer bestehen, einen Kampf bestreiten und eine Prinzessin erobern.

Die Frau will:

In das Abenteuer (des Mannes) mitgenommen werden, durch den Mann umkämpft/umworben werden, schön gefunden werden.

Das erste Problem das hier deutlich wird: Die Frau findet ihren Sinn und ihr Glück ausschließlich DURCH andere bzw. durch den Mann. Der Mann hingegen braucht die Frau im Prinzip nur für eines seiner drei Bedürfnisse. (Ich vernachlässige hier bewusst den Aspekt dass grundsätzlich Gott diese Bedürfnisse ausfüllen müsste. Im Grunde handelt es sich dennoch um Bücher über die Ebene zwischen Mann und Frau.)

Laut Eldredge will sich ein Mann stark fühlen und eine Frau sich schön fühlen. Das ist der prinzipielle Leitfaden in den betreffenden Büchern.

All das wird durchaus nett beschrieben und diejenigen die sich darin wiederfinden dürften durch die Bücher wirklich innerlich aufgebaut werden.

Jedoch habe ich persönlich Bauchschmerzen dabei. Ich sehe diese beiden Seiten des Seins nicht als streng auf Männer und Frauen beschränkt an.

Ich denke eher dass jeder Mensch diese beiden Seiten in sich trägt. Möglicherweise ist die weiblich Seite bei den meisten Frauen stärker ausgeprägt als die männliche, aber diese ist (nehme ich an) trotzdem da.

Beispielsweise habe ich mich in den beiden Büchern „Weißt du nicht wie schön du bist?“ und „Der ungezähmte Mann“ etwa zu 50-50 wiedergefunden.

Ich kann mich nicht an einen einzigen Tag in meinem Leben erinnern an dem ich auch nur irgendetwas Erstrebenswertes daran gefunden hätte, eine Prinzessin zu sein. Ich habe Wälder immer mehr geliebt als Blumenbeete, die Wildnis mehr als Rosengärten. Ich hatte immer eine blühende Fantasie, wollte Abenteuer bestehen, aber die Bedingung des vom-Mann-mitgenommen-werdens kam mir nicht in den Sinn. Ich mag keine langen Telefonate und keine Tischdeckchen. Ich weiß wenig über Klatsch und Tratsch bescheid, führe ungern Small-Talk. Laut Eldredge bedeutet dies, so wie ich es verstand, dass ich (noch) keine richtige Frau bin. Denn Frauen, die echte Frauen sind, gehören ja in Blumengärten, sind Meister im sozialen Austausch, Männer hingegen gehören in Wälder, jedes Mädchen muss davon träumen eine Prinzessin zu sein (denn das drückt ihr Wesen aus), Abenteuer gibt es für Frauen nur in Ergänzung zum Mann, die Frau muss das Haus hübsch herrichten während der Mann wild auf dem Pferd durch die Natur reitet.

Würde ich Eldredge glauben, müsste ich lernen ganz „Frau“ zu sein, um glücklich zu sein.

Aber missachtet dieser Gedanke nicht die Individualität jedes Menschen?

Eigentlich würde ich diese genannten beiden Eldredge Bücher lieber in einem sehen und jedes „Mann“ und „Frau“ mit „Mensch“ ersetzen.

2. Klischees Klischees Klischees – Frauen wird die Ernsthaftigkeit abgesprochen.

„Warum rennt sie zum Friseur, sobald sie ein graues Haar entdeckt? Warum mag sie Hochzeiten so sehr? Warum liebt sie herzergreifende Romane? Warum schaut sie sich Sendungen wie die Oscar-Verleihungen an?“ (Das wilde Herz der Ehe, S. 213)

„Es fällt auf, dass in Filmen die Verführerin häufig die „hilfslose“ Frau ist, die dem Mann das Gefühl gibt, ein richtiger Mann zu sein.“ (Das wilde Herz der Ehe, S. 212)

Muss ich mehr dazu sagen? (Ja, das sind unfairerweise aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, dennoch ist die optimale eldredge’sche Frau ohne männliche Kraft an ihrer Seite hilflos und ein wenig oberflächlich-naiv)

3. Was habt ihr eigentlich mit Sex angestellt?

Die Szenen die in den Büchern beschrieben werden hinterlassen bei mir ehrlich gesagt ein Unwohlsein bis hin zu Mitleid. Da werden Befürchtungen und Scham beschrieben die eigentlich nur Zustande kommen könnten wenn vollkommen das Vertrauen fehlt, sowohl in sich selbst als auch in den Partner. Warum wird es eigentlich als normal hingestellt dass eine Frau sich schämt und es als riesengroßes Wagnis empfindet wenn sie sich in einem hübschen Nachthemd zeigt – vor dem Mann, mit dem sie seit Jahren glücklich verheiratet ist, mit dem sie Bücher über Ehe schreibt, mit dem sie anderen Menschen beibringt wie man richtig Mann und Frau zu sein hat? Und warum werden Ratschläge zu Sex gegeben, laut denen der aktivste Part der Frau darin bestehen soll sich hübsch zu machen, sanft zu wirken und dann auf den Mann zu warten (ich hätte mich gerade beinah verschrieben und hätte „auf dem Mann zu warten“ getippt – das wäre schon wieder witzig gewesen  😀 )? Wie traurig und deprimierend ist das eigentlich? Und diese ganzen Metaphern über Stärke und Schönheit um das Ganze – warum sagen die beiden den Leuten nicht mal: „Macht den Kopf aus und habt Spaß.“ anstatt ihnen noch mehr Versagensängste einzureden (Frau könnte nicht schön oder sanft genug, Mann könnte nicht stark genug sein)? Ein kleines Zitat mag dies verdeutlichen: „Wenn der Mann in dieser Situation nicht über sich selbst hinauswächst, wird es kein Feuerwerk geben.“ (Das wilde Herz der Ehe, S. 212). Zum Glück schürt das keinen Leistungsdruck  😉

Soweit dazu. Möglicherweise liegt meine Diskrepanz mit den Büchern auch nur in meiner Neurologie begründet. Ich sollte auch nicht von mir auf jeden anderen schließen. Wenn jemand die Bücher auch gelesen habt, schreibt gern in die Kommentare.

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