Ich stelle Euch hier ein paar Tricks zusammen, die mir helfen meinen Alltag zu bestreiten, bzw. mir diesen zu erleichtern. Wie immer kann ich mich nur auf mein Empfinden beschränken und erhebe weder einen Anspruch darauf für alle Menschen des Autismus-Spektrums zu sprechen, noch auf Vollständigkeit.

Beruf + Organisation

Wenn sich ein Autist für den Werdegang in der IT entscheidet sehen seine/ihre Berufschancen meiner Einschätzung nach vergleichsweise gut aus (berichtigt mich wenn ich falsch liege). Beispielsweise stellen Firmen wie Auticon Autisten als IT-Consultants ein. Jenseits der IT-Branche hingegen wird man erfahrungsgemäß in Stellenausschreibungen oftmals mit einem Katalog an Soft Skills konfrontiert, der nicht unbedingt den durchschnittlichen Autisten beschreibt: kontaktfreudig, kommunikationsstark, teamfähig, belastbar, flexibel, reisebereit usw. Daher ist es verständlich wenn sich ein Autist für die Selbstständigkeit entscheidet. Optimalerweise kann man damit sein Spezialinteresse umsetzen. In vielen Fällen halten sich auch die nötigen Investitionskosten in Grenzen, da das Equipment für die Arbeit mit einem Spezialinteresse oft schon vorhanden ist. Beispielsweise bei dem Spezialinteresse Fotografie hat derjenige wahrscheinlich die nötigen Technik über die Jahre angeschafft. Empfehlenswert ist es am Anfang ein solches Gewerbe als Kleingewerbe  zu führen, bei dem dann keine Mehrwertsteuer abzuführen ist. Wichtig ist es seine Unterlagen für die Steuer übersichtlich und in Ordnung zu halten. Bei dem Fokus auf die Kerntätigkeit, also das Spezialinteresse könnte das evtl. untergehen. Deshalb habe ich eine App auf dem Smartphone, mittels der ich alle Belege sofort wenn ich diese erhalte, noch bevor ich sie abhefte, digitalisiere und in Ordnern abspeichern kann. Das ist besonders wichtig bei Kassenbons da diese nach einiger Zeit verblassen. Die App die ich nutze nennt sich TinyScanner.

Wenn die Selbstständigkeit im künstlerischen Bereich angesiedelt sein soll, lohnt es sich auch zu prüfen ob man als Freiberufler tätig sein kann bevor man ein Gewerbe anmeldet. Unter Umständen hat man auch die Möglichkeit sich über die Künstlersozialkasse zu versichern.

Wenn man es schafft Bekanntheit aufzubauen und es somit eine gewissen Anzahl Menschen gibt die die Arbeiten mögen und den Künstler gern unterstützen möchten, kann es sinnvoll sein entsprechende Online-Portale zu nutzen um sich von deiner Community auch finanziell supporten zu lassen. Solche Plattformen sind zum Beispiel Patreon oder donxt.

Wohlbefinden – körperlich und psychisch

Wie so vielen Menschen fällt es mir schwer am Tag daran zu denken genug Wasser zu trinken. Vielleicht ist dieses Problem unter Autisten noch verbreiteter weil wir s oft in unseren Interessen und unseren Gedanken festhängen. Ich habe mir auch für diese Allltagsherausforderung eine App auf dem Smartphone installiert, den Water Drink Reminder. Dieser erinnert mich einmal in der Stunde mittels eines akustischen Signals daran Wasser zu trinken, zudem kann ich in der App eingeben wann ich wieviel Wasser zu mir genommen habe um zu kontrollieren ob ich mein Soll erreicht habe.

Sport und Meditation

Kürzlich bin ich auf diesen Bericht gestoßen, in dem es darum geht, dass Laufen und Meditation gegen Depressionen helfen, bzw. Depressionen dadurch behandelt werden könnten: zum Bericht

Ich weiß dass das Wetter, das Licht und alles was draußen so wartet eine große Hürde darstellen können und man schließlich lieber doch auf eine Laufrunde verzichtet. Und ich weiß auch dass Fitnessstudios mit all den schwitzenden Menschen und verschiedenen Geräten zu denen man sich auch noch beraten lassen soll nicht unbedingt einladend für Autisten sind. Die gute Nachricht ist: es gibt gute Sportübungen die man in den eignen vier Wänden umsetzen kann. Ein Youtube-Kanal den ich diesbezüglich empfehlen kann ist der von Moin Yaminah, sie zeigt einige Übungen die schnell zu lernen sind und für die es keinerlei Equipment braucht.

Im Falle eines akuten Stimmungstiefs kann es wirklich hilfreich sein Joggen zu gehen und sich konditionsmäßig damit richtig auszupowern. Ausprobieren lohnt sich auf jeden Fall, meine ich.

Meditationen

Meditationen trainieren die innere Stärke. Es gibt die unterschiedlichsten Variationen. Wichtig ist dabei zur Ruhe und mit sich selbst bzw. wenn du mit diesem Gedanken etwas anfangen kannst mit Gott in Berührung zu kommen. Meine Formen der Meditation beziehen sich stark auf Gott. Falls du damit nichts anfangen kannst, kannst du bei „sensorische Entlastung“ weiterlesen.

  • Meditieren mit der Bibel:

z.B. kann man mit der Bibel – betend – meditieren. Eine Form dessen ist die Lectio divina, diese läuft folgendermaßen ab:

1. lectio: man ließt einen Bibeltext

2. meditatio: der Vers, der den Leser am meisten angesprochen hat wird mehrmals wiederholt und darüber meditiert

3. oratio: mit einem Gebet antwortet der Leser nun auf den Vers und das was Gott ihm damit sagt

4. contemplatio: ein stilles Verweilen in der Gegenwart Gottes

  • Gebetsperlen:

Der Trick bei diesen Perlen ist dass man eine nach der anderen zwischen die Finger nehmen, ihre Oberflächenstruktur fühlen, ihre Farbe betrachten und sich im Gespräch mit Gott einem Thema widmen kann. Ich habe mir für den momentanen Gebrauch eine solche kleine Kette gebastelt.

10390893_1407146475977478_8805309922396601933_n

Ich habe aber auch die offiziellen „Perlen des Glaubens“. Auf der Website ist die Bedeutung jeder Perle erklärt, dort kann man diese Perlen mit einem kleinen Buch bestellen: http://www.perlen-des-glaubens.de/

Sensorische Entlastungen

  • Gehörschutz

Da ich sehr empfindlich auf gläserne und metallische Geräusche reagiere, können mich viele Haushaltsarbeiten sehr belasten. Ich habe mir daher einen Gehörschutz angeschafft. Diesen trage ich zuhause beim Aufwaschen oder Geschirr einräumen, er machte diese Tätigkeiten erst erträglich.

Wenn ich mich bereits angespannt fühle wirkt der Gehörschutz beruhigend, zum einen weil er die akustischen Reize fernhält, zum anderen weil er einen leichten mechanischen Druck auf den Kopf ausübt (weshalb das beruhigt kann ich allerdings nicht erklären).

12321324_1407148585977267_7899344961539215280_n

Gehörschutz

Solche Helferlein gibt es auch bei amazon.

Für unterwegs bieten sich als unauffällige Alternative Ohropax an.

Umgebungsgeräusche kann man ebenso unterwegs aussperren indem man Musik über Kopfhörer die eben jene Geräusche dämpfen. Ich nutze dafür diese von Sennheiser: Kopfhörer

  • Eine schwere Decke

Eine Decke, die ein erhöhtes Eigengewicht hat kann manche Autisten beruhigen und ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Ich habe zum Glück eine etwas schwerere große Flauschkuscheldecke.

Es gibt auch eine Anleitung für eine „weightet blancket“ DIY: Anleitung

  • (Frauen-)Kleidung

BHs können sehr unangenehm werden, zumindest muss man wahrscheinlich erhebliche Summen an Geld investieren um Modelle zu erwerben, die auch annähernd Tragekomfort mit sich bringen. Zumindest konnte so ein Teil mir früher den kompletten Tag versauen. Gerade für taktil empfindliche Autistinnen kann ein BH, besonders einer mit Bügeln die reinste Alltagsfolter sein. Ich fühle mich sehr viel wohler seit ich auf weiche Sport-BHs umgestiegen bin. Glaubt mir, das kann die Lebensqualität enorm steigern 😉

Generell finde ich es sehr angenehm atmungsaktive Sporttextilien unter der Alltagskleidung zu tragen, da die Stoffe sich auf meiner Haut einfach passender anfühlen.

  • Entspannung für die Haut

Es mach mich regelrecht wahnsinnig wenn die Haut trocken ist, spannt oder kratzt. Deshalb habe ich immer Handcreme, Lippenbalsam und im Sommer Soforthilfespray für Insektenstiche in der Tasche.

„Medikamente“

Psychische Belastungen die durch ein Leben als Autist in einer sensorisch und sozial belastenden Welt bedingt sind können zeitweise Medikamente nötig machen, bzw. können diese in schweren Zeiten eine Entlastung darstellen.

Ich werde hier nichts über Psychopharmaka schreiben, da man dazu einen Arzt konsultieren sollte.

Ich habe pflanzliche Mittel ausprobiert: Johanniskraut hatte bei mir keine Wirkung, abgesehen von Magenschmerzen. Erstaunlich gut, d.h. beruhigend wirkte dagegen Baldrian, allerdings nutze ich das nur bedarfsweise. Anzumerken wäre dass ich auch einen Placeboeffekt nicht ausschließen kann.

Stressmanagement für unterwegs

  • Stimming

Viele Autisten nutzen Stimming um Belastungen zu kompensieren. Stimming ist z.B. Schaukeln mit dem Oberkörper oder Flattern mit den Händen. Es gibt aber auch Formen des Stimming die Gesundheit des Autisten beeinträchtigen können. Diese Varianten (die auch ich kenne) kann man versuchen in andere, gesündere Formen umzuwandeln. Hier ist ein Blogbeitrag zur „dunklen Seite des Stimming“: https://autistenbloggen.wordpress.com/2016/03/03/uebersetzung-die-dunkle-seite-von-stimming/

Nichtsdestotrotz brauchen wir Autisten das Stimming manchmal um mit Emotionen und Sinnesreizen umzugehen. Ich versuche mir unauffällige Formen anzueignen, die ich auch in der Öffentlichkeit umsetzen kann. Hin-und Herlaufen provoziert zwar auf Dauer auch die Blicke Fremder, aber ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit von meiner Seite gehört letztendlich auch zu meiner Selbstakzeptanz.

  • Spielzeuge

Spielzeuge können auch unauffällig ins Stimming eingebunden werden, ich habe meist einen weichen dicken Haargummi in meiner Tasche den ich um meine Finger wickeln und damit spielen kann. Zur Not kann man auch mit einem (Ehe-)Ring spielen 😀 Interessant finde ich auch die Produkte der Firma Stimtastic. Leider habe ich keines… vielleicht ändere ich das noch. Die kaubaren Anhänger sehen auf jeden Fall besser aus als einen Beißring bei sich zu haben (nein, hab ich nicht, würde ich mir aber manchmal wünschen).

  • Achtsamkeitsübung

Wenn jemand, so wie ich oft öffentliche Verkehrsmittel nutzt oder aus anderen Gründen sich oft in Menschenmengen bewegen muss kennt vielleicht die möglicherweise dadurch ausgelösten Panikattacken. Eine Achtsamkeitsübung für unterwegs, die ich mir gerade aneigne ist die folgende:

Man sagt sich fünf Ding auf die man sieht, fünf Dinge die man hört, fünf Dinge die man spürt.

Dann wiederholt man das ganze mit jeweils vier Dinge, dann mit drei, dann mit zwei, schließlich mit einem. Diese „Dinge“ dürfen bei den Wiederholungen dieselben sein, man muss also nicht unbedingt jedes mal neue finden..

Durch diese Übung soll man sich im Hier und Jetzt wieder zurechtfinden.

Das waren meine Werkzeuge die mir meinen Alltag im Autismus-Spektrum erleichtern. Schreibt gerne in die Kommentare welche Tricks ihr noch habt 🙂

 

 

Advertisements