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Liebes Blog-Tagebuch,

ich habe eine kleine Schreibblockade. Ich fürchtete dass mein Vorhaben, dich wöchentlich mit einem neuen Beitrag zu beehren zu scheitern droht. Ich habe mir verschiedene Themen zurecht gelegt, die ich als Optionen für diese Woche ansah: wie die Gemütszustände von Autisten von außen fehlinterpretiert werden, über die Beziehungsfähigkeit von Asperger-Autisten, über die Bedingungen und die Definition von Glück…. Aber heute geht mir nichts davon leicht über die Tastatur. Wenn ich schreiben will muss sich dieser Zustand einstellen, bei dem sich die Wörter und Sätze wie von selbst auf dem Monitor meines Laptops ausbreiten. Das tut es nicht, ich versuche es nun seit Stunden.

Deshalb verwende ich dich, lieber Blog, heute zu dem Zwecke dem ein Blog nun manchmal dient: einem digitalen Tagebuch das eine Person aus einem unergründlichen Wahnsinn heraus mit der lesebereiten Internetwelt teilt.

Soweit, so gut… liebes Internet, was willst du hören? Ich habe ein neues Vorhaben gefasst, veröffentliche aufgrund dessen neuerdings etwas regelmäßiger neue Zeichnungen und Bilder in meinen Social Media Kanälen, außerdem, wie ich schon schrieb, möchte ich in jeder Woche mindestens einen Beitrag hier im Blog hinterlassen. Des Weiteren habe ich eine Produktprobe anfertigen lassen, die ich in den nächsten Tagen bekommen sollte.

Natürlich ist das alles Teil meines Kunstschaffens, aber auch gleichzeitig ein Stück weit selbstauferlegte Beschäftigungstherapie. Diese hatte ich nach der letzten Woche wohl nötig. Ich hatte beinah vergessen, was es auf sich hat mit diesen Meltdown-Shutdown-Zeug. Menschen sind nun einmal so, sie verdrängen gern die unangenehmen Facetten des eigenen Daseins.

Die letzte Woche begann unschön – für mich. Ich hatte am vorletzten Wochenende viele Menschen um mich – zwei Tage hintereinander. An sich ist das erfreulich, denn soziale Kontakte und Familie sind ja auch etwas Schönes. Also für mich waren das alles sehr viele Eindrücke zudem viele Gedanken die ich aus den zwei Tagen wieder mit zurück nach Hause nahm.

Die ersten Tage der Woche bekam ich ganz gut ‚rum. Doch das Druckgefühl in der Stirngegend aufgrund der vielen noch nicht ganz verarbeiteten Eindrücke blieb. Dann überfiel mich dieser Tag, der einfach zu viele Kleinigkeiten mit sich brachte. Ich schrieb eine unangenehme E-mail, die ich nicht länger hinauszögern konnte, meine Kamera, die ich an diesem Tag für ein Projekt eingeplant hatte stellte sich tot – offenbar war der Akku kaputt. Ich musste neue Akkus besorgen. Ebay, technische Ausrüstung beziehe ich aufgrund der Preise lieber bei Ebay. Gesagt, getan, ich bestellte zwei Akkus. Damit eröffnete sich mir ein neues Problem: Paypal. Ich hatte vergessen nach den Zahlungsoptionen für das Angebot zu schauen und konnte nun ausschließlich mit Paypal zahlen. Wann hatte ich zuletzt Paypal genutzt? Das Passwort war auf jeden Fall entschwunden. Es folgten mehrere nervenzehrende Telefonate (Ich hasse Telefonieren) mit dem Paypal-Service. Nachdem ich es nach Stunden endlich geschafft hatte meinen Ebay-Einkauf zu bezahlen, stand noch ein Real Life Einkauf an. Wir mussten zum Lebensmittelmarkt. Zugegeben, es wäre vermutlich intelligenter von mir gewesen zuhause zu bleiben. Schon im ersten Gang des hiesigen Rewe verlor ich die Orientierung, musste aufpassen nicht gegen Regalecken und schemenhafte Menschen zu laufen. Ich konnte mich mit den Produkten nicht befassen, wartete irgendwo im Raum bis alles zusammen gesucht war. Keine Frage an mich hatte ansatzweise Sinn, Sprechen ging nicht mehr. Das Licht brannte, die Waren verschwammen und die Hintergrundmusik zog mich wechselnd in ihren Bann und verschmolz gleich wieder gespenstisch mit den Stimmen der zur selben Zeit einkaufenden Familien. Letztendlich schafften wir es nach draußen – mit den benötigten und bezahlten Lebensmitteln. Zuhause machte sich mein Mann ans Essen zubereiten. Ich setzte mich auf die Küchenbank. Ich kann nicht einmal mehr sagen ob ich in dem Sinneschaos noch irgendwie geholfen oder zumindest es versucht habe. Wahrscheinlich nicht. In meinen Ohren tobten die Schallwellen, ausgesandt von den Kochtöpfen die einander und die Herdplatte berührten.

Dies war der Moment eines Meltdown. Das verrückte ist dass es mir sehr bewusst war. Ich hatte grobe körperliche Schmerzen, das Gefühl zu zerbersten, hatte das dringende Bedürfnis, Dinge zu werfen, meinen Kopf auf den Tisch zu schlagen, zu schreien, irgendetwas. Doch ich tat nichts davon, schließlich muss ich erwachsen sein. Nicht ausflippen, auch nicht weinen. Man kann sich nicht benehmen wie ein kleines Kind. Ich hielt meinen Kopf zwischen den Händen und saß diesen Zustand aus. Wer sich etwas auskennt mit ASS weiß was daraufhin kam: der Shutdown. Viel kann ich dazu gar nicht sagen. Für mich folgten leere Tage. Ich war erschöpft – und still, mit zeitweisem Aufbäumen aus Grund des „guten Eindruck hinterlassens“. Und fühlte mich innerlich taub, die Sinne leicht verzerrt.

Mir war klar dass ich etwas tun muss um diesem Zustand zu entweichen. Deshalb entstand mein oben beschriebener Aktionsplan.

Wenn mich jemand fragen würde ob es mir besser geht oder überhaupt wie es mir geht wüsste ich nicht was ich antworten sollte. Es geht wie es geht und es ist wie es immer ist. Das ist das Leben und ich habe den Eindruck dass umso mehr ich vor den schlechten Zeiten fliehe oder gegen sie kämpfe sie mich umso mehr verfolgen.

Und was heißt überhaupt schlecht und was heißt gut? Können wir gut und schlecht an unseren Gefühlen festmachen? Sind Gefühle nicht immer im Wandel, müssten sie es dann nicht unmöglich machen dauerhaft glücklich zu sein?

Vielleicht liegt Glück eher in der Akzeptanz des Gegebenen und der Dankbarkeit für alles, dem Weiterleben und Weitermachen und Vertrauen selbst wenn man eigentlich nicht mehr weiß was man denken oder glauben soll. Wenn dem so ist – und langsam bin ich davon überzeugt – ja dann bin ich glücklich.

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