Schlagwörter

,

Ich habe heute das Bedürfnis einen Teil meiner Geschichte niederzuschreiben. Nach wie vor habe ich Zweifel ob ich gewisse Dinge in meinem öffentlichen Blog thematisieren sollte, aber wenn auch nur die Möglichkeit besteht dass es von jemandem gelesen wird der sich dadurch verstanden und weniger allein fühlt möchte ich mir diese Offenheit erlauben. Außerdem glaube ich dass eine der sinnvollsten Sachen die ich momentan geben kann das Teilen von Erfahrungen ist.

Genug – das ist ein Wort das mein Leben und meine Gedanken einst über Monate hinweg bestimmte.

Manchmal denke ich an die Zeit davor als alle meine Pläne noch aufzugehen schienen. Mein Studium lief, ich probierte Nebenjobs, arbeitete ehrenamtlich, bestand meine PKW-Fahrprüfung im ersten Anlauf und mein Diplom in der Regelstudienzeit.

Alles nach Plan. Damals wusste ich noch nicht was noch auf mich wartete.

Um nicht zu weit auszuschweifen: innerhalb der ersten zwei bis drei Jahre nach Studienabschluss wurde ich öfter gekündigt als manch anderer in 20 Jahren… oder so.

Das lag nicht daran dass ich zu doof zum Arbeiten gewesen wäre oder undiszipliniert wäre, aber irgendetwas stimmte nicht. Und ich wusste nicht wo der Grund liegen sollte. Alles was ich wusste war das immer irgendetwas unbewusst passiert sein musste was meinen jeweiligen Chef enttäuscht hatte. Wonach entweder direkt die Kündigung kam, das Mobbing begann oder/und ich krank wurde.

Der Knall

Im Sommer 2013, das weiß ich noch wie heute, saß ich in der Straßenbahn auf dem Heimweg von meinem Job. Zu dieser Zeit hatte das Mobbing seit einiger Zeit massiv eingesetzt. Gerade eben hatte mein Chef mir per Telefon mitgeteilt, dass ich das eine Wochenende (in der folgenden Woche) dass ich in diesem Monat frei haben sollte nun doch durcharbeiten soll und das irgendwo auf Montage. Ich hatte dieses Wochenende bereits für eine Familienfeier fest verplant und mein Chef wusste das. Ich saß also in der Bahn und starrte aus dem Fenster – Haltestelle Liststraße, Häuserfassaden, Dächer, ich sehe alles noch genau vor mir. Von einer Sekunde auf die nächste war es da, das Genug. Im Zeitfenster eines einzigen Lidschlags wusste ich was Sache war. Ich war gerade Mitte 20, ich konnte etwa abschätzen wie lange mein Körper theoretisch noch leben würde, ich konnte auch abschätzen wie viele Jahre der Kämpfe mit Chefs und Kollegen und Ämtern das noch sein würden. Doch etwas stimmte nicht: Meine Seele, oder wie auch immer man es nennen sollte, hatte schon jetzt keine Kraft mehr für diese Kämpfe. Ich fühlte mich als wäre die Batterie meines Inneren, die bis ins hohe Alter durchhalten müsste, genau jetzt in diesem Moment an der kritischen 3% Schwelle angekommen. Ich fühlte mich so eingesperrt in diesem Körper der funktionieren sollte wo doch meine Seele genug von allem hatte und selbst wenn ich noch so sehr gewollt hätte einfach nicht mehr konnte. Eine Verzweiflung die ich trotz verschiedener unschöner Dinge die ich schon erlebt hatte so nie kannte ergriff mich.

Es folgten Wochen und Monate in denen ich entweder gar nicht oder zu viel schlief und kaum etwas fühlen konnte außer einer endlosen Leere und der Wut auf das Leben und auf Gott, der mich nicht einfach so gehen ließ obwohl er doch sehen musste dass ich nicht mehr weiter kann. In kurzer Zeit entwickelte ich auch körperliche Beschwerden, fehlendes Gleichgewicht, Schwächegefühl, Herzschmerzen, zitternde Hände begleiteten mich durch die Tage. Und die Nächte. Zeitweise fiel mir das Atmen schwer. Selbst meine Wahrnehmung veränderte sich, ich konnte nach und nach viele Farben nur noch als schwarz erkennen und wenn ich das Haus verließ schien sich ständig das Licht zu verändern, so dass ich selbst Straßen die ich schon so oft entlang gelaufen war nicht wieder erkannte.

Genug

In meinem Kopf herrschte nur noch der eine Gedanke: Genug! Ich hatte einfach genug vom Leben, so wie ein alter Mensch am Ende seines Lebens vielleicht genug vom Leben hat – aber ich war jetzt schon an diesem Punkt angelangt. Die Kraft war aufgebraucht, da war ich mir sicher. Ich fühlte mich als würde ich die kommenden Jahrzehnte, in denen mein Körper noch atmen müsste, nur noch mit einem langsamen Sterben zwischen Kämpfen verbringen müssen.

Fehler im System?

Filme schauen, das konnte ich immer. Es muss im Januar 2014 gewesen sein, als ich den Film „Mary & Max“ zum ersten Mal sah. Seelisch ging es mir da gerade etwas besser, ich hatte sogar einen neuen Job, wenn auch nur in Teilzeit.

Zurück zum Film: einer der Hauptcharaktere im Film, Max, hatte das Asperger Syndrom. Ich hatte erst kurz zuvor etwas davon in irgendwelchen Dokus gehört. Aber ich wusste nicht viel darüber. Doch der Film ließ mich hellhörig werden.

Ich hatte bereits mit 17 Jahren eine Dokumentation über Autismus im Fernsehen gesehen, so nebenher. Dort wurden Sequenzen eingeblendet und daraufhin erklärt wie ein Autist das jetzt im Gegensatz zum „normalen“ Menschen wahrgenommen hätte. Schon damals hatte ich mich gewundert, weil ich es immer auf eben diese Art wahrnahm. Den Gedanken tat ich aber schnell wieder ab, denn für autistisch hielt ich mich nicht. Das hätte man doch schon im Kindesalter merken müssen dachte ich.

Ein paar Tage nachdem ich Mary & Max gesehen hatte kaufte ich mir beim Besuch einer Buchhandlung eine Biografie einer Autistin und Literaturwissenschaftlerin. Auch hier fand ich mich nur teilweise wieder, es gab zwar Parallelen, vieles konnte ich an mir nicht feststellen, anderes wiederum was selbst ich immer sehr eigenartig fand und daher stets geheim halte wurde im Buch nicht erwähnt.

In jener Zeit entwickelten sich auch in meiner neuen Arbeit Konflikte, und ich hatte keine Ahnung woher das schon wieder kam. Scheinbar verstand ich alles falsch, und das größte Problem war dass mir der Rundumblick über das Büro fehlte (als Assistentin) und dass ich nicht sehen konnte wann und ob die Kollegen oder Kunden gerade irgendwelche Bedürfnisse haben. Ich hatte wirklich keine Ahnung wie man so etwas sehen sollte. Auch einzelne Worte gingen so oft unter, vieles von dem was meine Chefin sagte kam bei mir nur als ein Rauschen an, obwohl sie vor mir stand. Ich verstand gar nichts mehr.

Ich stellte weitere Recherchen über das Asperger-Syndrom an. Bei Youtube stolperte ich über ein Video das einen autistischen Jungen, der die selben Verhaltensweisen zeigte wie ich seit früher Kindheit. Es war ein Schock das zu sehen, vor allem zu erkennen dass ich damit nicht allein war. Ich machte Online-Test die anzeigen sollten ob es sein könnte das Asperger-Syndrom zu haben. Die Tests waren durchweg Volltreffer.

Das musste geklärt werden, das wusste ich. Ich meldete mich beim Autismus-Zentrum hier in der Stadt. Dort waren jedoch für die nächsten 14 Monate voll ausgebucht. Glücklicherweise konnte ich von dort eine andere Kontaktadresse in einem Ort bekommen, den ich innerhalb von zwei Stunden mit dem Zug erreichen konnte. Ich schrieb dorthin eine Mail. Tatsächlich bekam ich zeitnah einen Termin für ein erstes Gespräch. Ich war super aufgeregt.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es sich so seltsam anfühlen würde zum ersten mal eine Einrichtung zu betreten die als gemeindenahe Psychiatrie ausgezeichnet war. Na klasse, dachte ich, soweit sind wir nun also schon. Mein Gespräch an diesem Tag dauerte über zwei Stunden und endete damit dass die Medizinerin auch die Verdachtsdiagnose Asperger aussprach. Es folgte ein Marathon aus Fragebögen, die ich, mein Mann, meine Mutter ausfüllen mussten. Ich kopierte alte Schulzeugnisse, musste Blutwerte abklären lassen, kam gerade noch um ein MRT herum.

Der zweite Termin in der Klinik dauerte einen halben Tag. An diesem Tag wurden verschiedene Tests gemacht wie IQ-Test und ein sogenanntes ADOS (dabei werden verschiedene Aufgaben gestellt, die ein antrainiertes Kompensationsverhalten durchbrechen sollen und das dahinter versteckte autistische Verhalten zeigen sollten).

Ich verbrachte danach lange Wochen des Wartens auf einen Befund. An dem Tag als ich eine E-Mail bekam in der mir zumindest mitgeteilt wurde dass ich wohl im autistischen Spektrum sei saß ich am Ufer der Elbe und starrte die kleinen gleichmäßigen Wellen an und fühlte mich seltsam leicht. Das war es also. Ich hatte ein Wort gefunden. Und jetzt? Ich fühlte mich leicht paralysiert aber auch unendlich erleichtert.

Ich besorgte mir noch mehr Bücher zum Thema, ich musste wissen was jetzt zu tun sei. Ich hatte zwar noch ein Abschlussgespräch mit der Medizinerin und bekam einen ausführlichen schriftlichen Befund, aber wie ich nun mein Leben zu gestalten habe um gesund und glücklich zu sein stand da nicht drin.

Ich las Rudy Simones „Aspergirls“(Ratgeber) und Axel Brauns „Buntschatten und Fledermäuse“(Biografie). Ich verbrachte viele Stunden damit auf Seiten und Zeilen zu weinen. Endlich konnte ich verstehen was mein ganzes Leben schon vor sich gegangen war, endlich wusste ich warum fast alles so ein Kampf war, warum meine Batterie sich schon so leer anfühlte und endlich konnte ich die gefühlte schwere Gesamtschuld an allem loslassen.

Skeptisch wie ich war suchte ich mir übrigens noch eine zweite Anlaufstelle um die Diagnose noch einmal checken zu lassen. So kam es dass ich einen Tag in Göttingen verbrachte und eine Bestätigung der Diagnose einholte. Nach diesem Tag erfuhr ich in Online-Foren dass der Dr. in Göttingen sehr streng bei den Kriterien sei. Bei mir schien er sich aber sicher zu sein dass die Diagnose zutreffe. Die Tests in Göttingen waren für mich anstrengender als die erste „Runde“. Hier merkte ich wirklich wie es ist wenn ein Fachmensch seit vielen Jahren mit Autisten arbeitet. Beim ADOS war ich schon bei der ersten Aufgabe total durch den Wind. Meine Kompensation wurde einfach weggespült. Als der Dr. beim sich Umdrehen mein Knie streifte bin ich vor Schreck fast vom Stuhl gefallen weil ich so empfindlich in dem Moment war.

So – was habe ich nun gelernt?

Also Asperger – eine tiefgreifende Entwicklungsstörung – kein spontanes und intuitives Lesen und Aussenden von Mimik, Gestik und Intonation; soziale Kontaktschwierigkeiten, Routinen, Detailwahrnehmung auf Kosten des Gesamtbildes, exzessive und ungewöhnliche Interessen, motorische Manierismen, Kompensation unter enormen Energieverbauch, sensorisch zu empfindlich, selektiver Mutismus, Komorbiditäten. Und all das führt ab und an zu Overload, der wiederrum zum Meltdown oder Shutdown führt, dem Runterfahren aller Systeme mit dem ich so vertraut war. Das war es also das Mysterium, das mich entweder explodieren oder fallen lies wenn ich keine Rücksicht auf mich selbst nahm.

„Asperger ist ein seltsames Tier“ sagt die Ärztin im Film „Mozart und der Wal“ zu Donald. Ein seltsames Tier, und nun musste ich wohl lernen es zu zähmen – oder mich mit ihm anzufreunden.

Wir haben vergessen was Freiheit ist

Freiheit ist nicht nur ein Luxus den ich für mein Leben möchte, es ist für mich persönlich wirklich lebensnotwendig. Der Grund dafür ist dass die Standards dieser Gesellschaft auf neurotypische Menschen abgestimmt sind. Für mich würde ein Gefangensein darin heißen diese Kämpfe weiterzuführen, mich anzupassen zu dem Preis meiner letzten Energiereserven.

Ich muss nun lernen, und in dem Prozess stehe ich zur Zeit, glücklich zu sein so wie es für mich nur möglich ist. Ich muss lernen sowohl Nein als auch Ja zu sagen wenn ich es wirklich mit voller Überzeugung sagen kann.

Beruflich nehme ich mir die Freiheit erst einmal nicht besonders große Mengen an Geld zu verdienen, aber Fähigkeiten zu lernen, einzusetzen und auszubauen, die es mir ermöglichen Wertvolles zu schaffen ohne gleichzeitig dauerhaft auf die soziale direkte Interaktion angewiesen zu sein.

Ich lernte mehr und mehr das Internet als Mittel zum Zweck meiner Beziehungen und Kontakte schätzen. Mich persönlich kostet das viel weniger Energie als direkte Treffen.

Meine einzige Beziehung die ich jeden Tag Face-to-Face pflege ist meine Ehe und die hat sich über die Jahre ganz automatisch schon auf dem Grundprinzip der beidseitigen Freiheit entwickelt, so dass ich mir in diesem Kontext mein Leben und Tun so einrichten kann wie ich es kann und wie es mir hilft.

Und gesellschaftliche Konventionen? Was sind das überhaupt? Von allen Seiten wird einem zugetragen wie man zu sein hat auf Grund des Geschlechts, des eigenen Alters, der Kultur, aufgrund dessen was man irgendwann in jungen Jahren studiert hat… auch an dieser Stelle will ich zunehmend lernen darüber zu stehen. Viele dieser Vorstellungen passen einfach nicht auf mich und ich tue mir nicht diese Gewalt an mich in diese Schubladen zu zwängen.

Auch darf ich mich so akzeptieren wie ich bin weil ich daran glaube dass ich so geschaffen wurde, dass es kein Unfall war der mich neurodivers gemacht hat. Warum sollte Gott also darauf bestehen mir mehrmals pro Woche in Menschengruppen begegnen zu müssen anstatt mich da zu finden wo ich dauerhaft gesund leben kann. Warum sollte er darauf bestehen dass ich dauernd in spontanen verbalen Äußerungen mit ihm sprechen muss wenn er mir eine visuelle Art zu denken geschenkt hat und der Übersetzungsprozess zu verbalen Äußerungen für mich immer mit einer gewissen Unnatürlichkeit einhergeht? Außerdem habe ich gelernt, dass ich mich gut in persönlicher Liturgie als eine Art von Routine zurecht finde und mir das viel Kraft gibt, beispielsweise habe ich mir eine Gebetskette und ich mag sehr das Lectio divina. Ich nehme weiterhin an Treffen mit anderen Christen teil, aber ich überfordere mich damit nicht mehr. Viel mehr genieße ich nun den wohl dosierten Kontakt zu den mir so lieb gewordenen Menschen.

Und so versuche ich nun mein Leben in Freiheit und Losgelöstheit von den Ansprüchen der „Norm“ zu führen. Im gleichen Maß versuche ich jeden Menschen der mit mir in Kontakt steht mit dem höchsten Maß an Respekt den ich einem Menschen entgegenbringen kann und dem Befreiendsten was ich mir im Umgang vorstellen kann zu überhäufen – was bedeutet jedem Freiheit der Persönlichkeit und der Gestaltung des Lebens und des Seins zuzugestehen. Ich versuche nicht zu urteilen, nur gegen Ungerechtigkeiten die Schwächeren schaden zu sprechen. Und ich gestehe ein, dass ich andere Menschen auch nicht immer verstehe, geschweige denn durchschauen kann. Jeder ist vielschichtig und komplex und läuft seinen Weg, und das ist auch gut so. Ich will wieder herausfinden was Freiheit ist für mich und für jeden auf dass wir alle glücklich und gesund sein dürfen.

Advertisements