Wenn du ein spätdiagnostizierter, sogenannter hochfunktionaler Autist bist, dann gab es in deinem Leben wahrscheinlich eine Zeit, in der du dich ebenso normal wie abnorm fühltest. Damit meine ich, dass du lange Zeit davon ausgingst, dass jeder Mensch die Welt so erlebt wie du, dass jeder Mensch so fühlt wie du, dass jeder sich durch die Tage kämpft, so erdrückt von Licht, von Geräusch, von Hektik, von Augenkontakt, von Mimik, oft so orientierungslos, dass ein jeder Mensch von Minute zu Minute seine Gesichtsbewegungen und seine Körperhaltung neu bewusst berechnen und an anderen abgleichen muss. Du dachtest wahrscheinlich dass jeder sich quält und diese Dinge durchhält und alle anderen erschienen dir so tapfer – so tapfer dass du einfach auch versucht hast durchzuhalten und auszuhalten…

Du bist vielleicht davon ausgegangen, dass jeder der dir im Alltag begegnete auch im ständigen sozialen Hangover lebt und stark genug ist sich dies nicht anmerken zu lassen, was im Klartext heißt: wenn alle anderen das können musst du es auch können. Und wahrscheinlich hast du dich gequält und bist dem „Normal“ hinterhergelaufen während die wirklich Normalen stets so viel schneller waren als du. Vielleicht kennst du deshalb sogar die häufigste Begleiterkrankung bei Autismus, die Depression.

Katerstimmung – und das obwohl ich nie Alkohol trinke, das kenne ich nur zu gut. Im Moment verlebe ich pro Woche durchschnittlich ein bis zwei Tage in diesem Zustand. Dass ich diese Zeiten auf jenes Maß hinunter regeln konnte hat allerdings seinen Preis … doch dazu später mehr.

Den (ich nenne es hier so, inspiriert hat mich dieses Bild) sozialen Hangover (dt. Kater) kennen, denke ich, die meisten Menschen. Es ist dieses Gefühl des allein-sein-müssens, des zu-nichts-im-Stande-seins nachdem man längere Zeit in der Gegenwart (mehrerer) anderer Menschen verbracht hat.

Extrovertierte Personen sind dem gegenüber relativ resistent, Introvertierte geraten schneller in die Gefahr des sozialen Hangovers, extrovertierte Autisten bewegen sich noch ein gutes Stück näher an der Grenze zum sozialen Ausgelaugtsein – und ein Dasein als introvertierter Autist – nun, das dürfte so ziemlich den Supergau beschreiben wenn es um soziale und gesellschaftliche Integration geht.

(siehe auch soziale Energielevel-Theorie).

Was ist ein sozialer Hangover?

Der soziale Hangover äußert sich (meiner Erfahrung nach) sowohl in der Unfähigkeit sich zu konzentrieren und sich zu orientieren, als auch in körperlichen Schmerzen, innerer Anspannung und psychischer Bedrückung. Dieser Zustand kann sich über Tage hinziehen.

Warum tritt ein sozialer Hangover (m.M.n.) speziell bei Autisten ein?

Wenn sich Autisten mit anderen Menschen umgeben, müssen sie viel Energie in Dinge investieren, über die neurotypische Menschen im Normalfall nicht nachdenken müssen. Dazu zählen (die eigene und die der anderen) Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegungsabläufe… wozu z.B. auch gehört die eigenen natürlichen Bewegungsabläufe zu unterdrücken. Des Weiteren sind Gespräche in denen mehr als zwei Personen involviert sind ein enormer Stressfaktor, da die viele Autisten nicht schnell genug analysieren können wann was zu sagen sozial akzeptabel wäre, während der Rest der Gruppe womöglich schon wieder das Thema gewechselt hat. Themenwahl generell ist ein weiteres Problem. Zu den Diagnosekriterien für Autismus gehört ein eingeschränktes Repertoir an Interessen, die zwar mit Leidenschaft verfolgt werden, aber durch die Interesse an den meisten anderen Themen beinahe ausgeschlossen ist.

Zu alledem gesellt sich auch noch die sensorische Überempfindlichkeit aufgrund des fehlenden Reizfilters bei Autisten. Schnell kann der Lärm einer Menschengruppe unerträglich werden und physische Schmerzen auslösen.

Welche Strategien nutze ich um damit umzugehen?

Wie einige bereits bemerkt haben dürften, bin ich ein Fan der sozialen Medien, Facebook, Twitter und co. ermöglichen mir zumindest mit meinen Bekannten und Freunden in Kontakt zu bleiben ohne mich zu oft der Überforderung des direkten Kontaktes auszusetzen.

Zudem habe ich eine kleine Anzahl an guten Kontakten, die ich und die mich gut genug kennen so dass ein Zusammensein zumindest weniger anstrengend ist.

Im Moment wirke ich vielleicht zeitweise „autistischer“ als in der meisten Zeit meines bisherigen Lebens (ausgenommen frühe Kindheit). Weil ich es mir erlaube und weil ich mich nicht mehr über die Maßen quäle nur um normal zu erscheinen.

In meiner Tasche trage ich ständig verschiedene sensorisch Filter wie Ohrstöpsel bei mir.

Ich zwinge mich seltener (aber noch zu oft) zu Augenkontakt, der mir doch nichts sagt sondern nur ablenkt von der Stimme des Gegenüber.

Ich erlaube mir wenn es nötig ist zumindest unauffällige Formen des sogenannten Stimming (das sind meist motorische sich wiederholende Bewegungsabläufe), um zumindest einen Teil der Überreizung von Außen zu kompensieren.

Und nun kommt der Teil meiner Strategie der ebenso hilfreich wie schmerzhaft ist:

Ich halte den Face-to-Face Kontakt zu jedem der mit meinen Besonderheiten wenig vertraut ist (also zu so gut wie jedem) in kurzen und seltenen Zeitfenstern.

Hier tut sich der Aspekt von (hochfunktionalem) Autismus auf, der sich tatsächlich nach Behinderung anfühlen kann. Es kann einen Menschen wahnsinnig isolieren. Auch Autisten tragen nun mal keine Scheuklappen und bemerken sehr wohl wie Menschen normalerweise als Gemeinschaften zusammenwachsen, Grüppchen bilden usw. während sie mit scheinbar ungeheurer Power immer noch ihren Alltagsaufgaben nachgehen können.

Letztendlich, bleibt Autismus im Kontext eines Umfeldes das auf das Neurotypische ausgerichtet und dafür optimiert ist das was es ist: in Teilen ein Segen (häufig bei Detailwahrnehmung, Gedächtnis etc.), im Sozialen ein Fluch und in jedem Fall ein großer Anteil der individuellen Persönlichkeit, den es (vor allem durch die autistische Person selbst) zu respektieren gilt.

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