Weil es mich nicht loslässt.
Weil es mich innerlich zerreißt.
Neulich habe ich ein Bild skizziert, das ich einfach nicht von meinem inneren Auge ausblenden konnte.
Auf die Rückseite des Blattes habe ich geschrieben „Und was lässt DICH nicht schlafen?“
Das Bild zeigt einen Flüchtling in einer Unterkunft, nachts, über und unter ihm sind die Dinge dargestellt die ihn wach halten: die Bedrohungen in seiner Heimat (unten) und die Bedrohungen die ihn hier belasten (oben).
Wie man sieht, kann ich gedanklich an die Flüchtlingskrise nicht heran treten ohne emotional zu werden.
Vielleicht halten mich manche für undifferenziert, vielleicht entspricht es gar den Tatsachen dass ich mehr als ich möchte mit einer der politischen Seiten sympathisiere. Vielleicht bin ich zu parteiisch in der Diskussion die unser Land derzeit nicht zur Ruhe kommen lässt.
Aber wie sollte ich auch neutral bleiben, so nahe an einem der deutschen Brennpunkte, so vernetzt dass mich jeden Tag die Nachrichten aus allen Richtungen erreichen, erschrecken, aufregen.
Wie viel Zeit habe ich damit verbracht in unserer Wohnung hin und her zu streifen während mein Hirn versucht meine Gedanken zu ordnen und sinnvoll zu verknüpfen.
Ich scheitere daran ein System in das allgegenwärtige Chaos oder das Chaos in ein System zu bringen.
Als ich am Morgen des 14. November erwachte hatte ich Angst davor nach den aktuellen Nachrichten zu schauen. Denn ich wusste ja bereits was in Paris geschehen war. Und ich wusste es bleibt nicht nur bei der Tragödie an sich, das Elend wird sich in vielen Köpfen vermehren. Mehr Sorgen, mehr Verwirrung.
Die Frage ist doch, wo stehe ich in all dem Chaos, das hier weniger chaotisch ist als in so vielen anderen Ländern auf dieser Welt.
Spielt es denn überhaupt eine Rolle wo ich stehe? Hat es irgendeine Auswirkung auf die Gesellschaft? Um einen Ansatzpunkt festzulegen: ich sehe es nicht als meine persönliche Aufgabe hart gegen die zu sein, die zu uns kommen. Es ist einfach nicht meine Aufgabe zu urteilen wer berechtigt hier ist und wer nicht. Ich habe nicht über Bleiben oder Gehen zu entscheiden.
Vielleicht hat unser soziales System seine Kapazitäten früher oder später erreicht. Ich weis es nicht. Doch dies ist nicht die Baustelle deren Stellschrauben ich oder du unmittelbar in der Hand haben. Und ich bin mehr als froh darüber solche Entscheidungen nicht treffen zu müssen. Und so bleibe ich bei meinem Idealismus, weil ich daran glaube dass „wir es schaffen“. Was bleibt auch sonst?
Mein Wirkungskreis dehnt sich nur auf einen sehr beschränkten Bereich aus. Hier im direkt Zwischenmenschlichen, in meinen Beziehungen, und in den Botschaften die ich an andere Menschen, die ebensolche Wirkungskreise haben weitergebe.
Und wenn ich ehrlich bin überfordert mich selbst dieser Bereich von Zeit zu Zeit, eigentlich meistens.
Es fällt mir so schon schwer mit anderen Menschen umzugehen, Blicke, Worte, Gesten auszuhalten und gleichzeitig zu versuchen zu reagieren, zu interagieren.
Wie groß meine eigene Furcht vor Fremden und Fremdheit ist, das kann ich kaum in Worte fassen.
Dennoch fühle ich diese Last, diesen Drang etwas tun zu müssen. Nicht tatenlos dastehen zu dürfen in Zeiten wie diesen.
Ich gehe zu Protesten gegen Pegida, stehe dort und muss mich wieder hinterfragen. Lasse ich mich instrumentalisieren? Ich weiß doch selbst weshalb ich dort stehe, dass ich nur will dass irgendjemandem auffällt dass es nicht nur Härte gibt in dieser Stadt, in diesem Land.
Zerrissen fühle ich mich zwischen den rationalen Überlegungen ob unsere Gesellschaft die große Zahl an hilfsbedürftigen Menschen nicht mehr auffangen kann und meinen Gefühlen die mir sagen, dass wir jeden aufnehmen, jedem helfen sollten und das wir Verantwortung haben, gerade weil es uns gut geht.
Ich vertrete das was so viele Asylkritiker heutzutage angeblich verteidigen wollen: die christlichen Werte. Ich kann und will gerade deshalb nicht ignorieren was der Christus selbst lebte und sagte. Ist es meine Aufgabe geschlossene Grenzen zu fordern und damit Möglichkeiten der Hilfe zu beschränken? Kann ich, können wir uns vielleicht einen Tropfen unvernünftigen Optimismus leisten?
Kann ein Mensch optimistisch bleiben während um ihn im übertragenen Sinne ein heftiger globaler Sturm tobt?
“Und sie traten hinzu, weckten ihn auf und sprachen: Herr, rette uns, wir kommen um! Und er spricht zu ihnen: Was seid ihr furchtsam, Kleingläubige? Dann stand er auf und bedrohte die Winde und den See; und es entstand eine große Stille. “
(Die Bibel Matthäus 8,23-27)
Kann ein Mensch optimistisch bleiben während Vorräte (finanziell, Wohnraum…) voraussichtlich nicht ausreichen?
“Als Jesus aber seine Jünger herangerufen hatte, sprach er: Ich bin innerlich bewegt über die Volksmenge, denn schon drei Tage harren sie bei mir aus und haben nichts zu essen; und ich will sie nicht hungrig entlassen, damit sie nicht etwa auf dem Weg verschmachten. Und seine Jünger sagen zu ihm: Woher nehmen wir in der Einöde so viele Brote, um eine so große Volksmenge zu sättigen? Und Jesus spricht zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Sie aber sagen: Sieben und wenige kleine Fische. Und er gebot den Volksmengen, sich auf die Erde zu lagern. Er nahm die sieben Brote und die Fische, dankte und brach und gab sie den Jüngern, die Jünger aber gaben sie den Volksmengen. Und sie aßen alle und wurden gesättigt; und sie hoben auf, was an Brocken übrig blieb, sieben Körbe voll. Die aber aßen, waren viertausend Männer, ohne Frauen und Kinder. “
(Die Bibel Matthäus 15, 32-39)
Ich verstehe dass nach rationalen Maßstäben Optimismus bezüglich der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen unangebracht erscheinen mag. Aber an alle jene die so wie ich nach anderen Maßstäben urteilen möchten, für die Glaube auch heute noch zählt: dürfen wir uns in Notsituationen vielleicht etwas mehr Unvernunft leisten?
Wer wollen wir letztendlich sein? Nicht, wer soll unser Volk sein (völkische Identifikation ist mir ohnehin zu abstrakt), sondern wer willst Du sein, wer will ich sein?
“Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und vor ihm werden versammelt werden alle Nationen, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken.
Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an! Denn mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; mich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir. Dann werden die Gerechten ihm antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig und speisten dich? Oder durstig und gaben dir zu trinken? Wann aber sahen wir dich als Fremdling und nahmen dich auf? Oder nackt und bekleideten dich? Wann aber sahen wir dich krank oder im Gefängnis und kamen zu dir? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan.
Dann wird er auch zu denen zur Linken sagen: Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn mich hungerte, und ihr gabt mir nicht zu essen; mich dürstete, und ihr gabt mir nicht zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich nicht auf; nackt, und ihr bekleidetet mich nicht; krank und im Gefängnis, und ihr besuchtet mich nicht. Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden hingehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber in das ewige Leben. “
(Die Bibel Matthäus 25, 31-36)
Ich habe nicht vor zu den Böcken zu gehören. Lieber will ich ein Schaf sein, selbst wenn manche Menschen die Schafe belächeln, selbst wenn Schafe töricht wirken. Vielleicht sind Schafe unvernünftig. Vielleicht ist Vernunft nicht immer der Weisheit letzter Schluss.
Ich kann mein Mitfühlen nicht abstellen, ebenso wenig die Wut wenn ich manche Anfeindung, Ablehnung und Gewalt die gegen Minderheiten gerichtet werden sehe. Doch ich muss damit umgehen, jeden Tag. Wichtig ist beides in konstruktive Handlungen umzuwandeln. Daran will ich arbeiten.
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