Toxische Gruppendynamiken

Das hier ist wieder kurz, wegen meinem derzeitigen Zeitmangel… Entschuldigt das bitte. Ich habe das vor ein paar Wochen schon in meinem privaten Facebook Profil geschrieben.
Mit euch möchte ich es nun gern noch teilen, weil mich dieser Gedanke immer noch sehr umtreibt:

Wisst ihr was ich in den letzten Jahren beobachtet habe? Es scheint bei den Menschen folgende Dynamik zu geben: Person A ist in einer Lebensphase in der sie oder er noch nicht gefunden hat was sie/er sucht, und dadurch temporär unsicher und verletzlich ist. Geht Person A nun in eine beliebige Menschengruppen, gibt es dort sicher Person B, C und weitere. Diese können Unsicherheit scheinbar riechen. Aus Gründen – meist guten, seltener schlechten – wollen B,C und weitere nun A beibringen was A zu denken, zu fühlen und zu entscheiden hat. A, in seiner temporären Unsicherheit, springt darauf an. Trifft persönliche Lebensentscheidungen um es B, C und weiteren Recht zu machen. Und wenn es nur dazu dient B,C und weitere zu beruhigen. A verpasst die Chance herauszufinden was er selbst wollte. A findet stattdessen heraus dass er mit der Entscheidung die er traf nicht leben kann. Der toxische Haken an der Geschichte: dort muss A jetzt allein durch. Aufgrund dieser Beobachtungen kann ich nur einen Rückschluss ziehen: Wenn A sich zukünftig schützen will sollte er Menschen meiden und wenn sich Menschen nicht vermeiden lassen – niemals,  wirklich niemals, irgendeine Unsicherheit durchscheinen lassen.image

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Tote Fische

Wegen momentanem Zeitmangel nur etwas ganz Kurzes zwischendruch:

Als Kinder sangen wir immer das Fisch Lied…: „Nur die toten Fische schwimmen immer mit dem Strom.“
Jetzt sind wir erwachsen und das höchste und ehrenwerteste Ziel und die höchste Pflicht, so wird einem von allen Seiten eingetrichtert, ist es  immer mit dem Strom dieser Welt zu schwimmen. Bloß nicht hinterfragen. Bloß nicht rebellieren. Einfach mitmachen. Immer schön lächeln, sonst wirkt man am Ende noch negativ. Ich bin nun nicht gerade anarchistisch aufgewachsen, aber die Realität (die man, so sagen sie, akzeptieren soll wie sie ist) ist farbloser, lebloser, liebloser, eingerostster und hoffnungsloser als jeder Kinderalbtraum von damals hätte sein können. Ich muss sagen, ich bin ziemlich enttäuscht. Müssen wir denn alle tote Fische sein? Tote Fische stinken irgendwann. Mir wurde neulich gesagt (als ich ähnliches äusserte)  ich muss doch aber hoffnungsvoll sein – aber welche Hoffnung soll das denn sein, die einen tristen hoffnungslosen Ist-Zustand absegnet und unterstützt? Ist nicht Hoffnung manchmal auch ein Aufbäumen, ein nicht abstellbares sich Sehnen nach Veränderung?

Hoffnung und Ehrlichkeit

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Einst schrieb ich in mein Notitzbuch:

„Was bringt es mir, wenn meine Fassade eine Beziehung zu anderen Menschen aufbaut?“

Ich will lernen authentisch zu sein. Doch was tue ich unter euch: Ich erzähle von bunten Blättern von Sonnenschein und Herbstlaubrascheln.

Was heißt das schon, ehrlich sein? Nehme ich den ganzen Kuchen Ehrlickeit oder lieber nur die Hälfte, liegt er mir und euch sonst zu schwer im Magen?

Ich habe meist Verantwortung, irgendwie.

Meine Aufgabe ist es Hoffnung zu finden.

Also erzähl ich euch mal von den guten Dingen, den schönen in meinem Leben, der Hoffnung die mir neu geschenkt wurde – all das ist wahr.

Doch ist das alles? Soll ich ehrlich sein?

Noch bevor ich es könnte, fasse ich mich selbst am nicht vorhandenen Hemdkragen und flüster mir zu: “ Jetzt sei bloß nicht so ’ne Pussy.“

Ich atme tief durch, lächle euch ins Gesicht – weil ich das kann, ich hab lang genug geübt.

Hoffnung – Hoffnung sähen, Hoffnung finden, Hoffnungsschwanger sein. Was heißt das?

Ich versuche mit meinen Worten zu sagen „alles wird gut.“.

Mein schweren Gedanken haben doch keine Relevanz und die schleichende Gewissheit, in mir noch immer eine archaische Dunkelheit zu finden ist nur eine Illusion. Wenn dies meine Realität ist und für mich alles andere nur Flucht, behalte ich das lieber für mich.

Ich sehe euch zu wie ihr redet, freue mich aus ehrlichem Herzen. Wie gern möchte ich so vieles mit euch teilen, doch bleibt die Angst einer Rolle nicht gerecht zu werden, mich selbst zu disqualifizieren.

So gebe ich von mir – wie gelernt – was angemessen ist, was Hoffung macht. Solange man nur nicht nachfragt.

Ich behalte für mich was traurig und schwach klingt. Zelebriere damit meine mir so vertraute Fassade.

„Was bringt es irgendwem, wenn meine Fassade eine Beziehung zu anderen Menschen aufbaut?“

Ich lege vor dich meine Worte aus den Quellen in meinem Herzen, in Tönen, manchmal schwarz auf weiß, weil ich mit euch verbunden sein will. Weil ich mich sehne mit euch Ehrlichkeit zu teilen. Weil ich Hoffnung in mir trage auf eine ehrliche Welt ohne Versteckspiel und Fassade, eine Hoffnung auf eine Welt ohne Einsamkeit.

Was ich will ist ehrlich sein.

Was ich tue ist ehrlich sein, eure Reaktionen überinterpretieren, alles abgrundtief bereuen und meine kaputte Fassade wieder zusammenfügen.

Ich gehe und mir tut alles weh, Hände zittern, in den Ohren ein pulsierendes Rauschen.

Und ich verbleibe – in der Gewissheit, dass ich euch all das niemals sagen darf.

Ich habe Gerüchte gehört, davon wie Menschen offen mit ihren Schwächen und Fehlern, ihrem ganzen Zerbruch umgehen. Wie sie den Mann am Kreuz hängend ansehen und den Blick nicht von ihm abwenden, wie sie nicht mehr vorgeben die Welt wäre nur halb so schlimm und das Leben steter Sonnenschein mit stellenweise Schauern.

Ich habe gehört dass Menschen sich nicht mehr selbst retten müssen – durch die Flucht vor sich selbst. Und doch laufe ich und vielleicht laufen wir alle vor und selbst davon.

Mein „Aber“ zu den Eldredge Büchern

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Die Bücher von John und Stacy Eldredge über Ehe und Frau- bzw. Mannsein erfreuen sich in christlichen (zumindest den evangelikalen) Kreisen seit Jahren reger Beliebtheit. In meinem Bücherregal stehen „Weißt du nicht, wie schön du bist?“, „Der ungezähmte Mann“ und „Das wilde Herz der Ehe“. Um das vorweg zu nehmen – Wenn ich den Büchern des Ehepaares Eldredge also gar nichts abgewinnen könnte hätte ich mich dieser Exemplare bereits entledigt.

Ich finde dass die beiden sehr motivierend schreiben können, anhand von Geschichten (meist aus Filmen) Bilder vor das innere Auge rufen und mittels dieser ihr Menschsein feiern. Das mag ich sehr. Auch beschreiben sie viele Einzelheiten des Gefühlslebens von Männern und Frauen … äh … Menschen. Hier fängt genau mein Problem an, welches ich als Frau mit den hochgelobten, hochgehypten Eldredge-Büchern habe. So viele Menschen (wahrscheinlich auch in meinem Bekanntenkreis) haben diese Bücher gelesen und ich mache mir so meine Sorgen, was diese jetzt wohl über Frauen und über sich selbst denken…

Ich will Euch das kurz anhand von drei Schwerpunkten aus den Büchern erklären:

1. Was wollen Männer, was wollen Frauen?

Die Eldredge’sche Rollenverteilung sieht Folgendes vor:

Der Mann will:

Ein Abenteuer bestehen, einen Kampf bestreiten und eine Prinzessin erobern.

Die Frau will:

In das Abenteuer (des Mannes) mitgenommen werden, durch den Mann umkämpft/umworben werden, schön gefunden werden.

Das erste Problem das hier deutlich wird: Die Frau findet ihren Sinn und ihr Glück ausschließlich DURCH andere bzw. durch den Mann. Der Mann hingegen braucht die Frau im Prinzip nur für eines seiner drei Bedürfnisse. (Ich vernachlässige hier bewusst den Aspekt dass grundsätzlich Gott diese Bedürfnisse ausfüllen müsste. Im Grunde handelt es sich dennoch um Bücher über die Ebene zwischen Mann und Frau.)

Laut Eldredge will sich ein Mann stark fühlen und eine Frau sich schön fühlen. Das ist der prinzipielle Leitfaden in den betreffenden Büchern.

All das wird durchaus nett beschrieben und diejenigen die sich darin wiederfinden dürften durch die Bücher wirklich innerlich aufgebaut werden.

Jedoch habe ich persönlich Bauchschmerzen dabei. Ich sehe diese beiden Seiten des Seins nicht als streng auf Männer und Frauen beschränkt an.

Ich denke eher dass jeder Mensch diese beiden Seiten in sich trägt. Möglicherweise ist die weiblich Seite bei den meisten Frauen stärker ausgeprägt als die männliche, aber diese ist (nehme ich an) trotzdem da.

Beispielsweise habe ich mich in den beiden Büchern „Weißt du nicht wie schön du bist?“ und „Der ungezähmte Mann“ etwa zu 50-50 wiedergefunden.

Ich kann mich nicht an einen einzigen Tag in meinem Leben erinnern an dem ich auch nur irgendetwas Erstrebenswertes daran gefunden hätte, eine Prinzessin zu sein. Ich habe Wälder immer mehr geliebt als Blumenbeete, die Wildnis mehr als Rosengärten. Ich hatte immer eine blühende Fantasie, wollte Abenteuer bestehen, aber die Bedingung des vom-Mann-mitgenommen-werdens kam mir nicht in den Sinn. Ich mag keine langen Telefonate und keine Tischdeckchen. Ich weiß wenig über Klatsch und Tratsch bescheid, führe ungern Small-Talk. Laut Eldredge bedeutet dies, so wie ich es verstand, dass ich (noch) keine richtige Frau bin. Denn Frauen, die echte Frauen sind, gehören ja in Blumengärten, sind Meister im sozialen Austausch, Männer hingegen gehören in Wälder, jedes Mädchen muss davon träumen eine Prinzessin zu sein (denn das drückt ihr Wesen aus), Abenteuer gibt es für Frauen nur in Ergänzung zum Mann, die Frau muss das Haus hübsch herrichten während der Mann wild auf dem Pferd durch die Natur reitet.

Würde ich Eldredge glauben, müsste ich lernen ganz „Frau“ zu sein, um glücklich zu sein.

Aber missachtet dieser Gedanke nicht die Individualität jedes Menschen?

Eigentlich würde ich diese genannten beiden Eldredge Bücher lieber in einem sehen und jedes „Mann“ und „Frau“ mit „Mensch“ ersetzen.

2. Klischees Klischees Klischees – Frauen wird die Ernsthaftigkeit abgesprochen.

„Warum rennt sie zum Friseur, sobald sie ein graues Haar entdeckt? Warum mag sie Hochzeiten so sehr? Warum liebt sie herzergreifende Romane? Warum schaut sie sich Sendungen wie die Oscar-Verleihungen an?“ (Das wilde Herz der Ehe, S. 213)

„Es fällt auf, dass in Filmen die Verführerin häufig die „hilfslose“ Frau ist, die dem Mann das Gefühl gibt, ein richtiger Mann zu sein.“ (Das wilde Herz der Ehe, S. 212)

Muss ich mehr dazu sagen? (Ja, das sind unfairerweise aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, dennoch ist die optimale eldredge’sche Frau ohne männliche Kraft an ihrer Seite hilflos und ein wenig oberflächlich-naiv)

3. Was habt ihr eigentlich mit Sex angestellt?

Die Szenen die in den Büchern beschrieben werden hinterlassen bei mir ehrlich gesagt ein Unwohlsein bis hin zu Mitleid. Da werden Befürchtungen und Scham beschrieben die eigentlich nur Zustande kommen könnten wenn vollkommen das Vertrauen fehlt, sowohl in sich selbst als auch in den Partner. Warum wird es eigentlich als normal hingestellt dass eine Frau sich schämt und es als riesengroßes Wagnis empfindet wenn sie sich in einem hübschen Nachthemd zeigt – vor dem Mann, mit dem sie seit Jahren glücklich verheiratet ist, mit dem sie Bücher über Ehe schreibt, mit dem sie anderen Menschen beibringt wie man richtig Mann und Frau zu sein hat? Und warum werden Ratschläge zu Sex gegeben, laut denen der aktivste Part der Frau darin bestehen soll sich hübsch zu machen, sanft zu wirken und dann auf den Mann zu warten (ich hätte mich gerade beinah verschrieben und hätte „auf dem Mann zu warten“ getippt – das wäre schon wieder witzig gewesen  😀 )? Wie traurig und deprimierend ist das eigentlich? Und diese ganzen Metaphern über Stärke und Schönheit um das Ganze – warum sagen die beiden den Leuten nicht mal: „Macht den Kopf aus und habt Spaß.“ anstatt ihnen noch mehr Versagensängste einzureden (Frau könnte nicht schön oder sanft genug, Mann könnte nicht stark genug sein)? Ein kleines Zitat mag dies verdeutlichen: „Wenn der Mann in dieser Situation nicht über sich selbst hinauswächst, wird es kein Feuerwerk geben.“ (Das wilde Herz der Ehe, S. 212). Zum Glück schürt das keinen Leistungsdruck  😉

Soweit dazu. Möglicherweise liegt meine Diskrepanz mit den Büchern auch nur in meiner Neurologie begründet. Ich sollte auch nicht von mir auf jeden anderen schließen. Wenn jemand die Bücher auch gelesen habt, schreibt gern in die Kommentare.

Der Löwe

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Reflektionen zum Löwen, der auch in meinen Bildern auftaucht:

Sieh dies hier
Sieh dies hier als den Tip des Jahrhunderts an
Sieh dies als den Ausrutscher an
Der mich auf die Knie zwang, ich habe versagt
Was wäre, wenn all diese Fantasien
Uns um die Ohren fliegen?
Jetzt hab ich zuviel gesagt…

(REM – Losing my Religion)

Sie sagen wie es sein sollte. Sie sagen dich zu kennen hieße Dinge die ich selten in dir zu sehen im Stande war. Doch gibt es einen Grund diese Seiten von allem Seienden zu sehen. Und ich frage mich: Löwe, wer bist du?

Ich fühlte das Herz des Löwen, ich fand dort einen Ort ohne Worte. Hier versuche ich ihn zu erklären:

spirit

Ich suche vergeblich nach Schichten von Staub und Geruhsamkeit,

hier ist nichts verstaubt, nichts schlafend, grad spärlich friedlich.

Das zwischen uns, Löwe, ist voller Leben, voll pulsierendem Blut, und Kampf.

Es ist keine Leidenschaft für „etwas“

es ist Leidenschaft in sich selbst,

Der Löwe selbst ist nicht zu zähmen

und wie oft zerbarsten meine Willensanstrengungen

an den Versuchen

den Löwen zu lenken,

den Löwen zu durchdenken,

den Löwen zu durchdringen

– sogar – den Löwen zu überwinden.

Oh Löwe, was haben wir gekämpft.

Der Löwe ist wild,

keine Zeitalter, keine Ozeane zähmten ihn.

Ich wünschte, oh Löwe, mein Wunsch wäre dein Werk.

Doch öffne ich meine Augen

sehe ich deine alles erschütternde Wildheit.

Und Löwe, jeder Wunsch in mir wird still.

Er, der Löwe, war da von Anbeginn.

Jedes Einatmen – sein Ausatmen

Jeden Schritt in seinen Spuren.

Wie schaffst du es doch in den Bann zu ziehen, Löwe.

Jeder Weg, jede Himmelsrichtung mündete in dir.

Darum, Löwe, bist du ein Geheimnis, mein Geheimnis,

dessen Verborgenheit ich staunend betrachte.

 

Und da ein weiser C.S.Lewis das Löwenthema in Narnia verarbeitete, ist hier ein kleines Video, das ich bei Youtube fand:

Warum ich mich schäme

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Ihr Menschen da draußen,

ich muss euch etwas beichten:

Ich schäme mich, heute. Ich schäme mich, weil ich gerade wieder im Internet einen Jungen gesehen habe, „Kanner-Syndrom“. Und ich habe mir wieder einmal ins Ohr geflüstert, dass ich mir doch etwas anmaße, dass es unfair ist mir dasselbe Label aufzukleben. Doch habe ich mir das ausgesucht? Habe ich denn beschlossen dass es ein Spektrum gibt, nicht mehr Asperger und Kanner, high-functional und low-functional? Und was heißt überhaupt unfair? Betreiben wir einen Wettstreit? Das möchte ich nicht. Ich schäme mich, ich schäme mich dafür ein einigermaßen selbstständiges Leben führen zu können und mir den Namen Autist zu geben, den auch diejenigen tragen die eben dies nicht können. Treffe ich damit irgendeine Aussage über andere? Wirre Gedanken, ich verneine alle miteinander. Warum dann dasselbe Label. Und wozu? Kann ich nicht einfach normal leben, bilde ich mir nicht etwas ein?

Und was sagen die Menschen, was sagen sie wenn sie mich sehen und wenn sie andere sehen? Andere die, wie manche sagen, „schlimmer“ betroffen sind. Andere, die das Label brauchen um Hilfe zu bekommen.

Aber – brauche ich keine Hilfe?

Ich schäme mich vor den Menschen, die mir nicht glauben wenn ich das Wort Autismus benutze. Nicht, weil ich mich für den Autismus selbst schäme oder gar für andere Autisten (das Gegenteil ist der Fall). Ich schäme mich, weil ich wirke als wäre es nicht wahr, als würde ich etwas aufbauen was nicht da ist, als schüfe ich Probleme die nie real waren. Ich schäme mich, weil Menschen sagen es wäre nicht wahr und ich wäre „doch so sensibel“, wäre nicht behindert.

Und am allermeisten schäme ich mich, weil ich dieses selbstständige Leben, dass ich als „hochfunktionale“ Autistin anscheinend führen können sollte ja in Wirklichkeit gar nicht so hinbekomme. Nur die Menschen, die sehen das nicht, die müssen das nicht miterleben wenn es wieder schlimm ist. Die denken ich sei eben introvertiert oder schüchtern, wo ich doch innerlich zerbreche oder sie nicht ansatzweise verstehen kann, die Menschen nur noch von Außerhalb beobachten kann, nicht bei Ihnen sein kann obwohl ich doch neben ihnen steh‘. Die denken vielleicht ich sei uninteressiert, wo ich doch auf gut versteckte Weise unfähig bin.

Ich schäme mich weil die Menschen nur meine Maske sehen. Ein unechtes Selbst, funktional, sozial, interagierend, kommunizierend, auf Augäpfel starrend, trainiert durch Jahre der Vorwürfe und der Schuld. Ich schäme mich dass ich verlernt habe ich zu sein. Denn das bedeutet „hochfunktional“ zu sein für mich ganz persönlich: verlernt zu haben wer man ist und ein Leben hinter der Maske.

Aber ich freue mich auch, ich freue mich über jeden Fortschritt, auch wenn er in manchen Augen vielleicht als Rückschritt erscheinen mag. Ich freue mich über jedes Stückchen meines mir zurück erkämpften Ichs.

Und unfassbar dankbar bin ich für Menschen, die mich unterstützen indem sie „es“ schlicht in unsere gemeinsame Realität aufgenommen haben. Könnt ihr euch eigentlich vorstellen, dass ich vor Glück jubeln mag wenn Menschen die mir nahestehen mich ganz beiläufig als Asperger- oder Autist bezeichnen? Es fühlt sich dann so stinknormal und gar nicht schlimm an, so als wäre es okay für diese Menschen dass ich ich bin. In diesen Momenten wird Freiheit für mich greifbar. So, als müsste ich mich nicht schämen, als würden sie sich für mich nicht schämen.

Bitte Menschen, ignoriert Neurodivergenz an euren Lieben nicht krampfhaft, wenn sie euch schon darüber erzählt haben. Geht normal damit um, so wie ihr mit der Augenfarbe oder dem Beruf desjenigen umgeht. Gebt uns bitte nicht das Gefühl dass wir uns für unser Sein schämen müssten. Bitte gebt uns die Freiheit wirklich wir zu sein, auch wenn ihr euch bisher an unsere Maske gewöhnt habt. Helft uns zu erkennen dass wir uns auf den (langen) Weg machen dürfen, zurück zu uns selbst.

Danke.

Hacks und Tools – mein Alltag mit Autismus

Ich stelle Euch hier ein paar Tricks zusammen, die mir helfen meinen Alltag zu bestreiten, bzw. mir diesen zu erleichtern. Wie immer kann ich mich nur auf mein Empfinden beschränken und erhebe weder einen Anspruch darauf für alle Menschen des Autismus-Spektrums zu sprechen, noch auf Vollständigkeit.

Beruf + Organisation

Wenn sich ein Autist für den Werdegang in der IT entscheidet sehen seine/ihre Berufschancen meiner Einschätzung nach vergleichsweise gut aus (berichtigt mich wenn ich falsch liege). Beispielsweise stellen Firmen wie Auticon Autisten als IT-Consultants ein. Jenseits der IT-Branche hingegen wird man erfahrungsgemäß in Stellenausschreibungen oftmals mit einem Katalog an Soft Skills konfrontiert, der nicht unbedingt den durchschnittlichen Autisten beschreibt: kontaktfreudig, kommunikationsstark, teamfähig, belastbar, flexibel, reisebereit usw. Daher ist es verständlich wenn sich ein Autist für die Selbstständigkeit entscheidet. Optimalerweise kann man damit sein Spezialinteresse umsetzen. In vielen Fällen halten sich auch die nötigen Investitionskosten in Grenzen, da das Equipment für die Arbeit mit einem Spezialinteresse oft schon vorhanden ist. Beispielsweise bei dem Spezialinteresse Fotografie hat derjenige wahrscheinlich die nötigen Technik über die Jahre angeschafft. Empfehlenswert ist es am Anfang ein solches Gewerbe als Kleingewerbe  zu führen, bei dem dann keine Mehrwertsteuer abzuführen ist. Wichtig ist es seine Unterlagen für die Steuer übersichtlich und in Ordnung zu halten. Bei dem Fokus auf die Kerntätigkeit, also das Spezialinteresse könnte das evtl. untergehen. Deshalb habe ich eine App auf dem Smartphone, mittels der ich alle Belege sofort wenn ich diese erhalte, noch bevor ich sie abhefte, digitalisiere und in Ordnern abspeichern kann. Das ist besonders wichtig bei Kassenbons da diese nach einiger Zeit verblassen. Die App die ich nutze nennt sich TinyScanner.

Wenn die Selbstständigkeit im künstlerischen Bereich angesiedelt sein soll, lohnt es sich auch zu prüfen ob man als Freiberufler tätig sein kann bevor man ein Gewerbe anmeldet. Unter Umständen hat man auch die Möglichkeit sich über die Künstlersozialkasse zu versichern.

Wenn man es schafft Bekanntheit aufzubauen und es somit eine gewissen Anzahl Menschen gibt die die Arbeiten mögen und den Künstler gern unterstützen möchten, kann es sinnvoll sein entsprechende Online-Portale zu nutzen um sich von deiner Community auch finanziell supporten zu lassen. Solche Plattformen sind zum Beispiel Patreon oder donxt.

Wohlbefinden – körperlich und psychisch

Wie so vielen Menschen fällt es mir schwer am Tag daran zu denken genug Wasser zu trinken. Vielleicht ist dieses Problem unter Autisten noch verbreiteter weil wir s oft in unseren Interessen und unseren Gedanken festhängen. Ich habe mir auch für diese Allltagsherausforderung eine App auf dem Smartphone installiert, den Water Drink Reminder. Dieser erinnert mich einmal in der Stunde mittels eines akustischen Signals daran Wasser zu trinken, zudem kann ich in der App eingeben wann ich wieviel Wasser zu mir genommen habe um zu kontrollieren ob ich mein Soll erreicht habe.

Sport und Meditation

Kürzlich bin ich auf diesen Bericht gestoßen, in dem es darum geht, dass Laufen und Meditation gegen Depressionen helfen, bzw. Depressionen dadurch behandelt werden könnten: zum Bericht

Ich weiß dass das Wetter, das Licht und alles was draußen so wartet eine große Hürde darstellen können und man schließlich lieber doch auf eine Laufrunde verzichtet. Und ich weiß auch dass Fitnessstudios mit all den schwitzenden Menschen und verschiedenen Geräten zu denen man sich auch noch beraten lassen soll nicht unbedingt einladend für Autisten sind. Die gute Nachricht ist: es gibt gute Sportübungen die man in den eignen vier Wänden umsetzen kann. Ein Youtube-Kanal den ich diesbezüglich empfehlen kann ist der von Moin Yaminah, sie zeigt einige Übungen die schnell zu lernen sind und für die es keinerlei Equipment braucht.

Im Falle eines akuten Stimmungstiefs kann es wirklich hilfreich sein Joggen zu gehen und sich konditionsmäßig damit richtig auszupowern. Ausprobieren lohnt sich auf jeden Fall, meine ich.

Meditationen

Meditationen trainieren die innere Stärke. Es gibt die unterschiedlichsten Variationen. Wichtig ist dabei zur Ruhe und mit sich selbst bzw. wenn du mit diesem Gedanken etwas anfangen kannst mit Gott in Berührung zu kommen. Meine Formen der Meditation beziehen sich stark auf Gott. Falls du damit nichts anfangen kannst, kannst du bei „sensorische Entlastung“ weiterlesen.

  • Meditieren mit der Bibel:

z.B. kann man mit der Bibel – betend – meditieren. Eine Form dessen ist die Lectio divina, diese läuft folgendermaßen ab:

1. lectio: man ließt einen Bibeltext

2. meditatio: der Vers, der den Leser am meisten angesprochen hat wird mehrmals wiederholt und darüber meditiert

3. oratio: mit einem Gebet antwortet der Leser nun auf den Vers und das was Gott ihm damit sagt

4. contemplatio: ein stilles Verweilen in der Gegenwart Gottes

  • Gebetsperlen:

Der Trick bei diesen Perlen ist dass man eine nach der anderen zwischen die Finger nehmen, ihre Oberflächenstruktur fühlen, ihre Farbe betrachten und sich im Gespräch mit Gott einem Thema widmen kann. Ich habe mir für den momentanen Gebrauch eine solche kleine Kette gebastelt.

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Ich habe aber auch die offiziellen „Perlen des Glaubens“. Auf der Website ist die Bedeutung jeder Perle erklärt, dort kann man diese Perlen mit einem kleinen Buch bestellen: http://www.perlen-des-glaubens.de/

Sensorische Entlastungen

  • Gehörschutz

Da ich sehr empfindlich auf gläserne und metallische Geräusche reagiere, können mich viele Haushaltsarbeiten sehr belasten. Ich habe mir daher einen Gehörschutz angeschafft. Diesen trage ich zuhause beim Aufwaschen oder Geschirr einräumen, er machte diese Tätigkeiten erst erträglich.

Wenn ich mich bereits angespannt fühle wirkt der Gehörschutz beruhigend, zum einen weil er die akustischen Reize fernhält, zum anderen weil er einen leichten mechanischen Druck auf den Kopf ausübt (weshalb das beruhigt kann ich allerdings nicht erklären).

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Gehörschutz

Solche Helferlein gibt es auch bei amazon.

Für unterwegs bieten sich als unauffällige Alternative Ohropax an.

Umgebungsgeräusche kann man ebenso unterwegs aussperren indem man Musik über Kopfhörer die eben jene Geräusche dämpfen. Ich nutze dafür diese von Sennheiser: Kopfhörer

  • Eine schwere Decke

Eine Decke, die ein erhöhtes Eigengewicht hat kann manche Autisten beruhigen und ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Ich habe zum Glück eine etwas schwerere große Flauschkuscheldecke.

Es gibt auch eine Anleitung für eine „weightet blancket“ DIY: Anleitung

  • (Frauen-)Kleidung

BHs können sehr unangenehm werden, zumindest muss man wahrscheinlich erhebliche Summen an Geld investieren um Modelle zu erwerben, die auch annähernd Tragekomfort mit sich bringen. Zumindest konnte so ein Teil mir früher den kompletten Tag versauen. Gerade für taktil empfindliche Autistinnen kann ein BH, besonders einer mit Bügeln die reinste Alltagsfolter sein. Ich fühle mich sehr viel wohler seit ich auf weiche Sport-BHs umgestiegen bin. Glaubt mir, das kann die Lebensqualität enorm steigern 😉

Generell finde ich es sehr angenehm atmungsaktive Sporttextilien unter der Alltagskleidung zu tragen, da die Stoffe sich auf meiner Haut einfach passender anfühlen.

  • Entspannung für die Haut

Es mach mich regelrecht wahnsinnig wenn die Haut trocken ist, spannt oder kratzt. Deshalb habe ich immer Handcreme, Lippenbalsam und im Sommer Soforthilfespray für Insektenstiche in der Tasche.

„Medikamente“

Psychische Belastungen die durch ein Leben als Autist in einer sensorisch und sozial belastenden Welt bedingt sind können zeitweise Medikamente nötig machen, bzw. können diese in schweren Zeiten eine Entlastung darstellen.

Ich werde hier nichts über Psychopharmaka schreiben, da man dazu einen Arzt konsultieren sollte.

Ich habe pflanzliche Mittel ausprobiert: Johanniskraut hatte bei mir keine Wirkung, abgesehen von Magenschmerzen. Erstaunlich gut, d.h. beruhigend wirkte dagegen Baldrian, allerdings nutze ich das nur bedarfsweise. Anzumerken wäre dass ich auch einen Placeboeffekt nicht ausschließen kann.

Stressmanagement für unterwegs

  • Stimming

Viele Autisten nutzen Stimming um Belastungen zu kompensieren. Stimming ist z.B. Schaukeln mit dem Oberkörper oder Flattern mit den Händen. Es gibt aber auch Formen des Stimming die Gesundheit des Autisten beeinträchtigen können. Diese Varianten (die auch ich kenne) kann man versuchen in andere, gesündere Formen umzuwandeln. Hier ist ein Blogbeitrag zur „dunklen Seite des Stimming“: https://autistenbloggen.wordpress.com/2016/03/03/uebersetzung-die-dunkle-seite-von-stimming/

Nichtsdestotrotz brauchen wir Autisten das Stimming manchmal um mit Emotionen und Sinnesreizen umzugehen. Ich versuche mir unauffällige Formen anzueignen, die ich auch in der Öffentlichkeit umsetzen kann. Hin-und Herlaufen provoziert zwar auf Dauer auch die Blicke Fremder, aber ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit von meiner Seite gehört letztendlich auch zu meiner Selbstakzeptanz.

  • Spielzeuge

Spielzeuge können auch unauffällig ins Stimming eingebunden werden, ich habe meist einen weichen dicken Haargummi in meiner Tasche den ich um meine Finger wickeln und damit spielen kann. Zur Not kann man auch mit einem (Ehe-)Ring spielen 😀 Interessant finde ich auch die Produkte der Firma Stimtastic. Leider habe ich keines… vielleicht ändere ich das noch. Die kaubaren Anhänger sehen auf jeden Fall besser aus als einen Beißring bei sich zu haben (nein, hab ich nicht, würde ich mir aber manchmal wünschen).

  • Achtsamkeitsübung

Wenn jemand, so wie ich oft öffentliche Verkehrsmittel nutzt oder aus anderen Gründen sich oft in Menschenmengen bewegen muss kennt vielleicht die möglicherweise dadurch ausgelösten Panikattacken. Eine Achtsamkeitsübung für unterwegs, die ich mir gerade aneigne ist die folgende:

Man sagt sich fünf Ding auf die man sieht, fünf Dinge die man hört, fünf Dinge die man spürt.

Dann wiederholt man das ganze mit jeweils vier Dinge, dann mit drei, dann mit zwei, schließlich mit einem. Diese „Dinge“ dürfen bei den Wiederholungen dieselben sein, man muss also nicht unbedingt jedes mal neue finden..

Durch diese Übung soll man sich im Hier und Jetzt wieder zurechtfinden.

Das waren meine Werkzeuge die mir meinen Alltag im Autismus-Spektrum erleichtern. Schreibt gerne in die Kommentare welche Tricks ihr noch habt 🙂

 

 

Dr. Hans Asperger, „seine“ Kinder und die Nazis

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Dr. Hans Asperger, geboren am 18.02.1906, war ein österreichischer Kinderarzt und Heilpädagoge.

Im Jahr 1943 erschien seine Schrift „Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter“ in der er auf Grundlage seiner Arbeit mit über 200 Kindern das Syndrom beschreibt, welches heute seinen Namen trägt.

Im Jahr 1932 übernahm Dr. Hans Asperger die Leitung der heilpädagogischen Abteilung der Kinderklinik der Universität Wien.

Ebenfalls in dieser Klinik hielt er am 3.Oktober 1938 einen Vortrag über die sogenannten „autistischen Psychopathen“. Dieser Tag lag nur ca. einen Monat vor der Reichspogromnacht. Die politische Situation war extrem angespannt. Der Druck zur Konformität und zur Nützlichkeit des Individuums für das Reich stieg bereits ins Unermessliche.

Seine Erkenntnisse besaß Dr. Hans Asperger aus der Beobachtung von etwa 200 Kindern, mit vermutlich jeglicher Form von Autismus. Eines dieser Kinder, beispielsweise, war Gottfried K. ein neunjähriger Junge. Gottfried reagierte sehr empfindlich auf Veränderungen seiner Routinen, hatte Angst vor anderen Kindern, war sozial ungeschickt und unaufmerksam, nahm Sprache sehr wortwörtlich und wurde von anderen Kindern gnadenlos gestichelt. Asperger beobachtete über 200 weitere, ähnliche Kinder. Einige von ihnen schaukelten vor und zurück oder wiederholten immer wieder dieselben Sätze.

Er formulierte in jenem Vortrag im Oktober 1938 die folgende Aussage:

Nicht alles, was aus der Reihe fällt, was also abnorm ist, muss deshalb auch schon minderwertig sein.

In Anbetracht der Zeit in der dies sagte und dem Regime unter dem er arbeitete war diese Aussage erstaunlich mutig.

Zeinah setzte in Wien die Sterilisation und die Euthanasie an Menschen die als Last für die Gesellschaft betitelt wurden ein, darunter fielen z.B. Menschen mit Schizophrenie, Epilepsie, angeborener Blindheit und anderen Abweichungen vom perfekten Zuchtmenschen für das „Reich“…

1938 wurden Massendeportationen durchgeführt, betroffen waren davon alle Menschen die als „asozial“ galten. Das bedeutet:

Bettler, Körperbehinderte, Denunziantenopfer, Wohnungs- und Obdachlose, Aufsässige, Wanderarbeiter, Legastheniker, Roma und Sinti, weibliche Homosexuelle, Waisen, Prostituierte, Zwangsprostituierte, Frauen mit wechselnden sexuellen Kontakten, Kleinkriminelle, ständige Nörgler, Menschen, die Armen oder gar KZ-Häftlingen halfen, Anarchisten, Gehörlose, Analphabeten, so genannte Arbeitsscheue, Bummelanten, Faule, Autisten, Stotterer, nicht „Reinrassige“, Volksschädlinge, Volksverräter usw.usw.

(Quelle: http://radiochiflado.blogsport.de/2010/04/10/schafft-den-tag-der-arbeit-ab/)

Aspergers einstiger Kollege Jekelius half den Nazis dabei einen Plan zu entwickeln um die Kinder mit neurologischen Abweichungen auszurotten.

Das erste Kind, welches so im Namen dieser Medizin getötet wurde war Gerhard Kretschmar, er wurde im Februar 1939 mit nur einem Arm, einem Bein, sowie Lernschwierigkeiten geboren und war blind. Hitler gab die Anweisung dieses Kind umzubringen, was dementsprechend durchgeführt wurde.

Im August 1939 erließ die Regierung ein Dekret, laut dem Ärzte alle mit Abweichungen geborenen Kinder zu melden hatten.

Dazu wurden im Oktober desselben Jahres die sogenannten T-4 Programme eingeführt, diese waren die Umsetzung der Tötungspläne an Kindern deren Erbgut imperfekt erschien bzw. die als unnütz einzustufen waren.

Die behinderten Kinder wurden in sogenannten Kinderfachabteilungen ermordet.

Aspergers ehemaliger Kollege Jekelius soll 789 Kinder in einer Klinik – ebenfalls in Wien – umgebracht haben. Die meisten davon waren vermutlich Autisten.

Mehr als 200.000 behinderte Kinder und Erwachsene starben aufgrund der T-4 Programme und der Kinder Euthanasie.

Dieser Kontext wirft ein besonderes Licht auf Dr. Hans Aspergers Schriften und Vorträge. Asperger war sehr darum bemüht, „seine“ Kinder als mögliche Genies und als Bereicherung für die Gesellschaft darzustellen. Er arbeitete sehr gewissenhaft auch ihre positiven Eigenschaften heraus. Die Vermutung liegt nahe, dass Dr. Hans Asperger seine Probanden vor dem sicheren Tod durch die Nazis bewahren wollte.

Meine Aufmerksamkeit zog besonders ein Kapitel in Hans Aspergers Schrift „Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter“ aus dem Jahr 1943 auf sich: Soziale Wertigkeit der Autistischen Psychopathen.

Asperger urteilt, dass sich seine Probanden an die Umweltanforderungen einfügen könnten. Nur diejenigen bei denen zusätzlich eine „ausgesprochene intellektuelle Minderwertigkeit“ hinzukäme finden sich Aspergers Meinung nach „günstigsten Falles“ in „untergeordneten Außenseiterberufen“ wieder.

Zu den nach seiner Definition „intellektuell intakten“ schreibt Asperger:

In der ganz überwiegenden Zahl der Fälle kommt es nämlich zu einer guten Berufsleistung und damit zu einer sozialen Einordnung, oft in hochgestellten Berufen, oft in so hervorragender Weise, daß man zu der Anschauung kommen muß, niemand als gerade diese autistischen Menschen seien gerade zu solchen Leistungen befähigt.

Die Unbeirrbarkeit und die Durchschlagskraft die in der „spontanen“ Aktivität der Autistischen liegt, die Eingeengtheit auf einzelne Gebiete des Lebens, auf ein isoliertes Sonderinteresse – das erweist sich hier als positiver Wert, der diesen Menschen auf ihren Gebieten zu besonderen Leistungen befähigt.

Gerade bei den Autistischen sehen wir – mit weit größerer Deutlichkeit als bei den „Normalen“-; daß sie von frühester Jugend an für einen bestimmten Beruf prädestiniert erscheinen, daß dieser Beruf schicksalhaft aus ihren besonderen Anlagen herauswächst.

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Asperger

http://www.neurodiversity.com/library_asperger_1944.pdf

http://www.spectator.co.uk/2015/09/did-hans-asperger-save-children-from-the-nazis-or-sell-them-out/

https://aspergiller.wordpress.com/2016/01/28/arbeitsscheu/

 

 

Kleinigkeiten und Zusammenriss

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Liebes Blog-Tagebuch,

ich habe eine kleine Schreibblockade. Ich fürchtete dass mein Vorhaben, dich wöchentlich mit einem neuen Beitrag zu beehren zu scheitern droht. Ich habe mir verschiedene Themen zurecht gelegt, die ich als Optionen für diese Woche ansah: wie die Gemütszustände von Autisten von außen fehlinterpretiert werden, über die Beziehungsfähigkeit von Asperger-Autisten, über die Bedingungen und die Definition von Glück…. Aber heute geht mir nichts davon leicht über die Tastatur. Wenn ich schreiben will muss sich dieser Zustand einstellen, bei dem sich die Wörter und Sätze wie von selbst auf dem Monitor meines Laptops ausbreiten. Das tut es nicht, ich versuche es nun seit Stunden.

Deshalb verwende ich dich, lieber Blog, heute zu dem Zwecke dem ein Blog nun manchmal dient: einem digitalen Tagebuch das eine Person aus einem unergründlichen Wahnsinn heraus mit der lesebereiten Internetwelt teilt.

Soweit, so gut… liebes Internet, was willst du hören? Ich habe ein neues Vorhaben gefasst, veröffentliche aufgrund dessen neuerdings etwas regelmäßiger neue Zeichnungen und Bilder in meinen Social Media Kanälen, außerdem, wie ich schon schrieb, möchte ich in jeder Woche mindestens einen Beitrag hier im Blog hinterlassen. Des Weiteren habe ich eine Produktprobe anfertigen lassen, die ich in den nächsten Tagen bekommen sollte.

Natürlich ist das alles Teil meines Kunstschaffens, aber auch gleichzeitig ein Stück weit selbstauferlegte Beschäftigungstherapie. Diese hatte ich nach der letzten Woche wohl nötig. Ich hatte beinah vergessen, was es auf sich hat mit diesen Meltdown-Shutdown-Zeug. Menschen sind nun einmal so, sie verdrängen gern die unangenehmen Facetten des eigenen Daseins.

Die letzte Woche begann unschön – für mich. Ich hatte am vorletzten Wochenende viele Menschen um mich – zwei Tage hintereinander. An sich ist das erfreulich, denn soziale Kontakte und Familie sind ja auch etwas Schönes. Also für mich waren das alles sehr viele Eindrücke zudem viele Gedanken die ich aus den zwei Tagen wieder mit zurück nach Hause nahm.

Die ersten Tage der Woche bekam ich ganz gut ‚rum. Doch das Druckgefühl in der Stirngegend aufgrund der vielen noch nicht ganz verarbeiteten Eindrücke blieb. Dann überfiel mich dieser Tag, der einfach zu viele Kleinigkeiten mit sich brachte. Ich schrieb eine unangenehme E-mail, die ich nicht länger hinauszögern konnte, meine Kamera, die ich an diesem Tag für ein Projekt eingeplant hatte stellte sich tot – offenbar war der Akku kaputt. Ich musste neue Akkus besorgen. Ebay, technische Ausrüstung beziehe ich aufgrund der Preise lieber bei Ebay. Gesagt, getan, ich bestellte zwei Akkus. Damit eröffnete sich mir ein neues Problem: Paypal. Ich hatte vergessen nach den Zahlungsoptionen für das Angebot zu schauen und konnte nun ausschließlich mit Paypal zahlen. Wann hatte ich zuletzt Paypal genutzt? Das Passwort war auf jeden Fall entschwunden. Es folgten mehrere nervenzehrende Telefonate (Ich hasse Telefonieren) mit dem Paypal-Service. Nachdem ich es nach Stunden endlich geschafft hatte meinen Ebay-Einkauf zu bezahlen, stand noch ein Real Life Einkauf an. Wir mussten zum Lebensmittelmarkt. Zugegeben, es wäre vermutlich intelligenter von mir gewesen zuhause zu bleiben. Schon im ersten Gang des hiesigen Rewe verlor ich die Orientierung, musste aufpassen nicht gegen Regalecken und schemenhafte Menschen zu laufen. Ich konnte mich mit den Produkten nicht befassen, wartete irgendwo im Raum bis alles zusammen gesucht war. Keine Frage an mich hatte ansatzweise Sinn, Sprechen ging nicht mehr. Das Licht brannte, die Waren verschwammen und die Hintergrundmusik zog mich wechselnd in ihren Bann und verschmolz gleich wieder gespenstisch mit den Stimmen der zur selben Zeit einkaufenden Familien. Letztendlich schafften wir es nach draußen – mit den benötigten und bezahlten Lebensmitteln. Zuhause machte sich mein Mann ans Essen zubereiten. Ich setzte mich auf die Küchenbank. Ich kann nicht einmal mehr sagen ob ich in dem Sinneschaos noch irgendwie geholfen oder zumindest es versucht habe. Wahrscheinlich nicht. In meinen Ohren tobten die Schallwellen, ausgesandt von den Kochtöpfen die einander und die Herdplatte berührten.

Dies war der Moment eines Meltdown. Das verrückte ist dass es mir sehr bewusst war. Ich hatte grobe körperliche Schmerzen, das Gefühl zu zerbersten, hatte das dringende Bedürfnis, Dinge zu werfen, meinen Kopf auf den Tisch zu schlagen, zu schreien, irgendetwas. Doch ich tat nichts davon, schließlich muss ich erwachsen sein. Nicht ausflippen, auch nicht weinen. Man kann sich nicht benehmen wie ein kleines Kind. Ich hielt meinen Kopf zwischen den Händen und saß diesen Zustand aus. Wer sich etwas auskennt mit ASS weiß was daraufhin kam: der Shutdown. Viel kann ich dazu gar nicht sagen. Für mich folgten leere Tage. Ich war erschöpft – und still, mit zeitweisem Aufbäumen aus Grund des „guten Eindruck hinterlassens“. Und fühlte mich innerlich taub, die Sinne leicht verzerrt.

Mir war klar dass ich etwas tun muss um diesem Zustand zu entweichen. Deshalb entstand mein oben beschriebener Aktionsplan.

Wenn mich jemand fragen würde ob es mir besser geht oder überhaupt wie es mir geht wüsste ich nicht was ich antworten sollte. Es geht wie es geht und es ist wie es immer ist. Das ist das Leben und ich habe den Eindruck dass umso mehr ich vor den schlechten Zeiten fliehe oder gegen sie kämpfe sie mich umso mehr verfolgen.

Und was heißt überhaupt schlecht und was heißt gut? Können wir gut und schlecht an unseren Gefühlen festmachen? Sind Gefühle nicht immer im Wandel, müssten sie es dann nicht unmöglich machen dauerhaft glücklich zu sein?

Vielleicht liegt Glück eher in der Akzeptanz des Gegebenen und der Dankbarkeit für alles, dem Weiterleben und Weitermachen und Vertrauen selbst wenn man eigentlich nicht mehr weiß was man denken oder glauben soll. Wenn dem so ist – und langsam bin ich davon überzeugt – ja dann bin ich glücklich.

Wenn äußere Veränderungen Entscheidungen besiegeln

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Eigentlich hatte und habe ich nicht vor, hier auf meinem Blog über solche Oberflächlichkeiten wie Haare zu schreiben.

Letztens sah ich einen Artikel darüber, dass ein Unternehmer zu einer Tagung ausdrücklich Menschen mit bunten Haaren und Piercings ausschloss (link). Das war der Auslöser weshalb ich jetzt mal über ein paar Äußerlichkeiten schreiben möchte.

Ich habe Dreads und ein Piercing im Gesicht. Beides habe ich mir im letzten Jahr „angeschafft“.

Lange Zeit habe ich mir solche Veränderungen an mir selbst verboten. Ich hatte doch einen Studienabschluss in einem wirtschaftswissenschaftlichen Gebiet und sollte dementsprechend eine „seriöse“ Arbeit finden, gut Geld verdienen, Auto kaufen, Haus bauen, 10.000 Versicherungen abschließen oder was weiß ich…. Ich wusste sehr wohl dass vor allem die Haare (Nasenpiercing ist einfach durch Hochklappen zu verstecken) dabei ein Hindernis darstellen können. Wie ist es also zu der Entscheidung gekommen?

Neben der Ästhetik und den Enttäuschungen die ich im normalen Arbeitsleben erlebte und aufgrund derer ich mich nun lieber von Anfang an zeigen möchte wie ich bin ließ mich folgendes diese Veränderungen in Angriff nehmen (Hinweis: das ist vielleicht etwas weitgesponnen und persönlich, daher nicht auf andere Menschen mit Dreads zu übertragen):

Wenn ich auf mein Leben bis hierher zurückblicke muss ich gestehen dass ich oft sichtbare, unumkehrbare Veränderungen brauchte um Umbrüche meines Inneren zu verwirklichen. Ich benötigte diese Signale an mich und mein Umfeld. Wenn ich an dem Punkt angekommen bin, an dem ich bereit bin den äußeren Schritt zu gehen kann ich auch innerlich zum Frieden finden.

Für mich symbolisierten die äußeren Veränderungen im letzten Jahr einen Beginn des Umdenkens. Ein Aufgeben und Kapitulieren vor den Vorstellungen der Welt darüber wie ich zu sein hatte und eine konsequente Bejahung meiner Person. Natürlich kann man so ein Umdenken auch ohne äußere Veränderungen vollziehen, aber ich hatte das Gefühl auch den äußerlichen Umbruch zu brauchen.

Ich fühlte mich auch bereit mit eventuellen Nachteilen zu leben, da ich diese auch erleben würde wenn ich äußerlich angepasst blieb, nur eben etwas zeitversetzt.

Und nun werde ich etwas über eine Frisur schreiben, es möge mir verziehen sein ….

Ein kurzer Exkurs zum Thema Dreadlocks:

Dreadlocks, woher kommt der Begriff?

Rastafari

Die Bezeichnung „Dreadlocks“ für diese Frisur stammt aus Jamaika, dort trugen die sogenannten Rastafarians die Filzhaare.

Wörtlich übersetzt heißt Dreadlocks „Furcht-Locken“. Es gibt unterschiedliche Theorien weshalb es zu dieser Bezeichnung kam.

Die erste Erklärung:

Die Rastfarians glauben an den Gott „Jah“ (den Gott der Bibel). Sie hielten die verfilzten Haare für besonders wichtig, da sie Antennen zur spirituellen Welt darstellten (diese Ansicht teile ich im Übrigen nicht bzw. kann ich nichts dergleichen durch meine Haare feststellen 😀 ). Außerdem sollte Simson in der Bibel schon Dreadlocks getragen haben. Die Furcht im Namen steht laut dieser Theorie für die Ehrfurcht vor Jah.

Die zweite Erklärung:

Die Rastafarians wollten sich durch ihre Haare während der 1940er Jahre von den Weißen abgrenzen indem sie dem Schönheitbild dieser Leute deutlich widersprachen. Diese Locken stellten also auch einen Protest gegen die Zerstörung der Kultur der Rastafarians durch die weiße Oberschicht dar. Da Menschen, genau wie heute, gegenüber allem was andersartig wirkt schnell Vorurteile erdichteten, gab es bald die wildesten Gerüchte über die Rastafarians. Die Weißen begannen sich vor ihnen zu fürchten, deshalb entstand der Name „Furcht-Locken“.

Darüber hinaus sollen die Dreadlocks bei den Rastafarians eine Löwenmähne symbolisieren und somit auf den Löwen von Judah hinweisen, wobei bei im Rastafari-Glauben damit wohl Haile Selassie gemeint ist, ein Kaiser von Äthiopien aus den 30er Jahren. Dieser sollte nach Rastafari-Glauben der wiedergeborene Christus sein.

By the way:

Ich habe zwar mit Haile Selassie nichts am Hut, habe aber 2013 das Thema „Löwe von Juda“ in einem Acrylgemälde verarbeitet:

loewe

Geschichte der Filzhaare vor der Entstehung des Begriffs:

Schon vor den Rastafarians trugen die Priester der Azteken im heutigen Mexiko die verfilzten Haare (bei ihnen waren diese übrigens auch schimmelig :-O ). Für diese Priester waren die Haare ein Statussymbol.

Im Hinduismus tragen bestimmte Mönche Dreads und fühlen sich dadurch mit der Gottheit Shiva verbunden. Durch diese Hinduisten in Indien übernahmen außerdem später in den 70ern die Hippies diese Frisur.

Auch im Islam gibt es Gruppierungen die traditionell Dreadlocks trugen, nämlich die Mönche des Sufismus.

Bedeutung für mich persönlich

In finde es überaus faszinierend, dass die Dreadlocks in vielen Kulturen als Symbol für Heiligkeit galten oder gelten. Aber was bedeutet denn Heiligkeit, es klingt im ersten Moment so wahnsinnig abgehoben und auch überheblich, vielleicht etwas für sogenannte religiöse Spinner?

Heiligkeit bedeutet, so habe ich es gelernt und denke auch so, ein Abgesondertsein von der Welt. Um das deutlich klarzustellen: Ich sehe mich definitiv durch mein Leben nicht als heiliger als irgendjemand sonst, weder erleuchteter noch moralisch besser, eine gewisse Abgesondertheit ist lediglich das was ich mir wünsche.

Lasst mich das erklären:

In der Bibel steht:

„Denn wir kämpfen nicht gegen Menschen, sondern gegen Mächte und Gewalten des Bösen, die über diese gottlose Welt herrschen und im Unsichtbaren ihr unheilvolles Wesen treiben.“ (Epheser 6,12, Hoffnung für Alle)

Diese Welt in der wir leben wird zu oft von so vielen schlechten Dingen bestimmt: Habgier, Ausbeutung, Unterdrückung, Nationalismus, Militarismus, Sexismus, Gewalt…

Ich bin so müde dieser Welt hinterherzurennen, mich selbst zu verkaufen, zu versklaven nur um im Strom mitschwimmen zu dürfen um am Ende festzustellen dass ich mich um mein eigenes Glück, meine Gesundheit und das Glück der mir nahestehenden Menschen gebracht habe.

Wenn ich mich weigere meine Kraft und mein Leben den „Mächten und Gewalten“ zur Verfügung zu stellen, dann ist mein persönlicher Kampf gegen diese Zustände schon im Gange. Und ich bin sehr froh dass ich diesen Weg nicht allein und nicht aus eigener Kraft gehen muss.

Für mich, wirklich nur für mich selbst, stellt eine äußere Veränderung auch einen Vertrag mit meinen Denkmustern dar: Schluss mit dem Alten, lass etwas Neues entstehen. Ich bin davon überzeugt, dass wenn sich das Denken darauf einstellt auch reale Veränderungen geschaffen werden können.

Ja, ich will abgesondert sein von dieser Welt und ihren Zielen. Ja, ich will andere Ziele verfolgen und das nicht allein aus meiner begrenzten Kraft sondern mit Gottes Hilfe. Wenn es das ist, dieses heilig sein, ja dann möchte ich heilig sein.

Und vielleicht kann mir persönlich diese unbedeutende Äußerlichkeit helfen mich jeden Tag daran zu erinnern wohin ich gehöre und wofür ich stehen möchte.

Links :

http://www.dreadlockz.net/background_dreadsname.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Dreadlocks

http://www.dreadzone.org/dread-info/dreadlocks-facts/